Nordcon 2012 – Kritische Größe erreicht?

Darth Vader, Sturmtruppen und weitere Star-Wars-Gewandete auf dem Hof des NordCons


Vom 1. bis 3. Juni 2012 fand in Hamburg zum 16. Mal der NordCon statt – nach ­eigenen Angaben die größte unabhängige Rollenspiel-Veranstaltung Deutschlands, Europas oder gar der Welt … Doch wenn diese Größe repräsentativ für die gesamte Fan-Szene stehen soll, mag man den Eindruck gewinnen, dass diese aus ihrem Dauertief nicht so recht hinauskommen will.
Nimmt man hingegen die Qualität des ­Conprogramms und der Veranstaltungen als Maßstab, muss man dem Rollenspiel-­Fandom schon ein sehr hohes Niveau ­zugestehen. Aber um gleich die wichtigen Dinge zu klären: „Der“ NordCon? Ja, „der“! Die Veranstalter halten es da strikt mit den „Perry Rhodan“-Fans und leiten „Con“ vom maskulinen „Konvent“ oder „Kongress“ ab.
Die Veranstalter, das sind drei alteingesessene Rollenspiel-Vereine aus Hamburg und Umgebung. Und der NordCon selbst ist nach 16 Jahren natürlich längst eine Institution, die schon über ein Jahrzehnt vor der RPC einschlägige Verlage, Autoren – und vor allem Fans des fantastischen Spiels versammelt hat.

Der Nordcon ist eine bunte Mischung aus Messe, Spieletreff, Feldlager und „Fantasy-Fasching“, die sich mit den Jahren zu einem regelrechten Familienfest inklusive Kinderschminken entwickelt hat. Er deckt zum einen das Rollenspiel (oder RPG = Roleplaying Game) in seiner ganzen Bandbreite ab, die vom Pen & Paper, das an harmloses Brettspiel gemahnt, bis hin zum LARP (= Live Action Roleplaying Game) reicht, bei dem wagemutige Rollenspieler mit Schaumstoffschwerten aufeinander einschlagen.
Zum anderen werden mit Lesungen und Vorträgen die fantastischen „Randbereiche“ des Rollenspiels mehr als nur tangiert.
Alles in allem bietet der NordCon also seit über einem Jahrzehnt alles, was das Fantastik-Herz begehrt: Massig Spielrunden, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare sowie die Möglichkeit, bei zahlreichen Händlern reichlich Geld für Bücher, Spiele und Polsterwaffen zu lassen.
Bereits zum fünften Mal diente die Schule beim Pachthof in Hamburg Hamm als Con-Gelände – mit großem Hof, großer Wiese und zahlreichen Räumlichkeiten wie geschaffen für eine derartige Veranstaltung.

Eindrücke

Die Con-Tore waren schon seit Freitagabend geöffnet. Wer aber – wie vermutlich die meisten Besucher – am Samstag an­reiste (und dann auch noch mit dem Auto), musste ein wenig Geduld mitbringen. Aufgrund eines unseligen Nazi-Aufmarsches war ein benachbarter Stadtteil Hamburgs weiträumig abgesperrt, was sich – in Kombination mit den üblichen Baustellen – auch auf die umliegenden Autobahnen auswirkte.
Dafür – genau wie für das etwas trübere Wetter – ist den Organisatoren natürlich kein Vorwurf zu machen.
Der Con war im Gegenteil gewohnt ­professionell organisiert. Die Mädels und Jungs von Loge, SDNV und Rollenspielclub Tornesch wissen halt, wie man so was macht. Und es gelang bei aller Professionalität auch noch die fairen Eintrittspreise stabil zu halten.
Gleich auf dem Hof fielen dem Besucher Darth Vader nebst Stormtroopern ins Auge. Nun sind Gewandete mitnichten ein ungewohnter Anblick auf dem Nordcon – zwischen all den Orks, Zwergen, Rittern und Barbaren sind Jedi, Sith und Imperiale dann aber doch etwas Besonderes. Im Gegensatz zur RPC, wo der Auftritt des „Star Wars“-Kostümvereins gleich ganze Fernsehteams anlockt, wirkten die Cosplay-Jünger hier jedoch etwas verloren.

Und damit sind wir vermutlich auch schon beim Kernproblem: Dem perfekt organisierten Con mit sehr hochwertigem Programm fehlte es ein wenig an Besuchern und … Aufmerksamkeit. Zumindest hatte man den Eindruck, dass sich die Freunde des Rollenspiels im Gegensatz zu den Vorjahren ein wenig auf dem Gelände verloren. Oder, wie ein Besucher es ausdrückte:
„Ich hab allerdings das Gefühl, die Besucherzahlen sind deutlich zurückgegangen. Der typische Stau, den man normalerweise vor der Rundenanmeldung hat, ist jetzt so vier, fünf Leute lang. Vorher waren’s so 30.“

Das tat der Begeisterung und dem Spaß, den die Anwesenden hatten, aber keinen Abbruch. Wie gewohnt versammelte man sich auf der LARP-Wiese zur munteren ­Buhurt, focht das ein oder andere Jugger-Match aus oder lauschte den Klängen der Livebands auf der Bühne. Die Spieltische in den Fluren der Schule waren zwar nicht belagert – aber doch stetig besetzt. Und auch bei den zahlreichen Händlern wurde fleißig gestöbert.
Das Vortrags- und Seminarangebot hatte hohes Niveau. Zudem las Markus Heitz aus seinem neuen Werk „Oneiros“ und der unvermeidliche Robert Vogel gab gewohnt muntere Anekdoten zum Besten – unter ­anderem über seine Teilnahme an der SF-Kino-Komödie „Iron Sky“.

Wie schlimm steht’s wirklich um das Fandom?

Ja, die Diskussion mag ermüdend sein – aber sie kam fast zwangsläufig wieder mal auf. Unter anderem beim „Ausgespielt ­Klönschnack“. Der „nicht nur Rollenspiel-Podcast“ nimmt alljährlich eine Sonder­sendung auf dem NordCon auf.
In der Gesprächsrunde hieß es unter ­anderem:

„Ich habe das Gefühl, dass es langsam mehr Leuten klar wird, dass die Szene langsam unter eine kritische Größe schrumpft.“

Ermüdend ist die Diskussion für einige ­insoweit, als dass sie bereits seit Jahren – und längst nicht nur in der Rollenspiel-­Szene – geführt wird. Schon vor zehn Jahren klagte man in Sinzig über die Überalterung des „Perry Rhodan“-Fandoms und beriet darüber, wie denn der Nachwuchs zu mobilisieren sei.
Die Rollenspieler zumindest scheinen ­diese Frage gerade auf vielfältige Weise beantworten zu wollen: Ein NordCon-Besucher sprach mit Blick auf etliche anwesende ­Familien von einem „Neun-Monats-Plan“. Andere Ansätze sind sicher die Rückkehr zu Einsteiger-Rollenspielen, sei es im Rahmen des Marktführers „DSA“ oder gar mit ganz neuen Produkten wie „Aborea“.

Tatsächlich hat sich das Hobby in den vergangenen Jahrzehnten doch stark von seinen Wurzeln entfernt, indem die Szenarien, Abenteuer und Regelwerke immer anspruchsvoller und komplexer wurden – Fluch und Segen zugleich, da diese Entwicklung bei steigendem Spielspaß für die „alten Hasen“ durchaus die Hürde für Neulinge immer höher setzen kann. Mit der Rückkehr zu „simpleren“ Ein­steiger-Boxen, die rein optisch auch wieder mehr an Brettspiel-Schachteln erinnern, wird versucht, diese Hürde wieder zu senken.
Gerade so ein Con wäre eine weitere ­„Rekrutierungsmaßnahme“ für den Nachwuchs – doch wie diesen locken? Wenn nicht mal Darth Vader und Kumpane ziehen?

Die RPC versucht es seit ein paar Jahren etwas anders, indem der Begriff Rollenspiel einfach weiter gefasst und auf die moderne digitale Variante ausgedehnt wird, die nun wirklich nicht über Nachwuchsprobleme klagen muss. Dadurch strömen zwar größere Massen (und Fernsehteams) in die Messehallen – aber ob sich ein Computerspiele-Kid auch mal in die Pen&Paper-Halle verirrt, ist wieder eine andere Frage.
Den LARPern fällt es da sichtlich leichter. Die Möglichkeit, mit Schaumstoffwaffen seine Kumpels zu verprügeln, ist ja auch ganz offensichtlich wesentlich verlockender, als die Aussicht, sich für Stunden um einen Tisch zu versammeln und in auf den ersten Blick undurchsichtige Weise rein mit der Vorstellungskraft ein gemeinsames Abenteuer zu erleben.
Bereits 2008 wurde in der Nullnummer des RPG-Fanzines „Abenteuer.“ jedoch eine ganz andere Antwort formuliert.
Clemens Meier analysierte in dem Vorwort die Lage des Hobbys recht schonungslos und attestierte eine kaum zu übersehende Alterung des Fandoms, die – wenn es so weitergeht – unweigerlich das absehbare Ende zur Folge hat.
Nach dieser vielleicht etwas deprimierenden Analyse kam er jedoch zu einem recht erfrischenden Fazit, das sinngemäß in etwa lautet: „Was soll’s? Dann stirbt das Hobby eben irgendwann aus.“

Die jetzt spielende Generation hat das Rollenspiel zu einer hohen Kunstform ent­wickelt und erfreut sich daran. Kaum ein Fandom ist kreativer, wenn es darum geht, selbst Nachschub für das eigene Hobby zu produzieren, in Form von neuen Abenteuern, Szenarien und ganzen Regelwerken. Etliche Kleinverlage produzieren hochinteressante Spielvarianten. Man tauscht sich eifrig aus und genießt das Hobby in vollen Zügen. Und so lange man noch zwei, drei Mitstreiter findet, die sich auf die gemeinsame Reise begeben wollen, bleibt das Rollenspiel für einen selbst doch am Leben. Und wenn sich kein Nachwuchs findet, vielleicht weil Computerspiele viel verlockender sind … nun, dann sei es eben so.

Und auch hier mag der NordCon durchaus als Spiegel der gesamten Szene scheinen. Denn niemand blies Trübsal angesichts der Tatsache, dass man auf dem Pachthof weitgehend unter sich blieb. Man zelebrierte und kultivierte das gemeinsame Hobby und fuhr nach einem fantastischen Wochenende vergnügt wieder nach Haus.

ROLAND TRIANKOWSKI

 

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Eine Antwort auf Nordcon 2012 – Kritische Größe erreicht?

  1. Carsten sagt:

    Also um es richtig zu stellen: Wir hatten mehr Besucher als in den Vorjahren. Vermutlich sogar den Besucherrekord seitdem wir in der Schule beim Pachthof sind.

    Allerdings kann man die Menge der Besucher sehr leicht übersehen. Das Gebäude ist sehr groß, wir nutzen dort immerhin 40 Räume, zwei Turnhallen und eine große Aula… da nimmt man unsere Besucher gerne nicht wahr.
    Aufgrund des Wetters haben sich dann wohl auch mehr im Inneren aufgehalten und an den zahlreichen Spielrunden (am Samstag nachmittag gab es fast keine Tische mehr für Spielrunden), Workshops und Lesungen teilgenommen.

    Da wir den nächsten NordCon für euch noch besser machen wollen, freuen wir uns über jegliche konstruktive Kritik, die ihr einfach an uns mailt: 2012@nordcon.de

    Carsten
    -
    NordCon-Orga