Tragende Grundidee, formal schwach: »Visionen« von Philip Schwarz

Philip Schwarz – »Visionen«„Ich werde einen uralten Menschheitstraum wahr machen!“. Davon ist Raja Souresh fest überzeugt. Der charismatische Souresh lebt im 25. Jahrhundert. Die Menschheit ist in den Weltraum vorgestoßen und hat viele Planeten bereits von ihres gleichen bevölkert vorgefunden. Wie es dazu kam, bleibt im Verborgenen. Jedenfalls ist in den letzten Jahrhunderten unter der Führung der Erde eine menschliche Zivilisation entstanden, die sich immer weiter ausbreitet. Allerdings hängt sie noch den moralischen Werten des 21. Jahrhunderts an. Die Menschheit hat sich als Ganzes nicht weiterentwickelt, sondern ihre Gesellschaft ist weiterhin auf dem kapitalistischen System ihrer Vorfahren aufgebaut. Wobei die Erde und ihre Bevölkerung im Zentrum steht und die neu entdeckten, technologisch angepassten Planeten lediglich eine untergeordnete Rolle im Machtgefüge spielen. Es verwundert einen deshalb nicht, wenn das Heer der Unzufriedenen nach und nach größer wird und viele Planeten nach einer größeren Unabhängigkeit streben.

Ranja Souresh und seine Mitstreiter haben für sich eine andere Lösung gefunden, diesem aus ihrer Sicht kranken und in Kürze zusammenbrechenden System zu entfliehen. Sie wollen weit ab der menschlichen Zivilisation einen Neubeginn starten und ein Gesellschaftssystem aufbauen, das von Gleichheit und Mitbestimmung aller geprägt ist. Souresh brennt quasi für seine Vision und schart so Hunderte von Mitstreitern um sich, die sich im Verborgenen auf ihren eigenen Weg vorbereiten.
Die zweite Hauptfigur ist Jeremy Donovan, ein Enthüllungsjournalist, der sich so richtig in einen Fall verbeißen kann. Nachdem er bei einem tragischen Unfall seine Lebensgefährtin und seinen linken Arm verloren hat, lebt er nur noch für seine Arbeit. Sie ist so etwas wie ein Schutzmantel geworden.

Die Handlung setzt mit einer rasanten Szene ein. Raja Souresh und einige Mitstreiter entführen einen riesigen Erzfrachter und bringen ihn an einem sicheren Ort. Die Mannschaft wird verschont, ausgesetzt und von Polizeikräften gerettet. Die Aufklärungspolitik der verantwortlichen Stellen erscheint ein wenig merkwürdig, zumal der Kapitän des Erzfrachters zum Sündenbock abgestempelt wird. Donovans Instinkt ist geweckt und begibt sich auf die Suche nach den Hintergründen, indem er versucht herauszufinden, wer bzw. welche Gruppe hinter dieser Entführung stecken könnte.

Recht schnell kann er den Faden aufnehmen und reist zu verschiedenen Welten. Im Verlaufe seiner Recherchen kommt er Souresh immer näher und erfährt zudem, dass die politisch Verantwortlichen mit Hilfe des Militärs alles unternehmen, damit Souresh Plan zum einen nicht publik wird und zum anderen scheitert. Als Donovan der Wahrheit zu nahe kommt, wird er erst kaltgestellt und dann gezwungen sich als Spion einzuschleusen. Dies gelingt ihm ohne große Mühe und so nimmt er an der Reise der Aussteiger in die unerforschten Regionen der Milchstraße teil.

Dabei wird er immer mehr zu einem Teil der Mannschaft, erliegt quasi der von Souresh getragenen Vision und findet seinen inneren Frieden wieder. Zum Schluss identifiziert er sich mit den Zielen der Gruppe und tut alles, um sie zu verteidigen.
Die Stärke des Romans liegt eindeutig in der Umsetzung der Grundidee. Den Aufbau einer alternativen Gesellschaftsform fernab des Einflusses der alten voranzutreiben, ist sicherlich nicht neu und wurde auf unserem Planeten sowohl im Kleinen wie auch im Großen immer mal wieder in Angriff genommen. Schwarz’ Ausarbeitung ist sehr detailreich und durchaus realistisch umgesetzt. Es handelt sich nicht um eine durch und durch positive Utopie, die er seinen Lesern bietet, sondern um eine, die an den Beharrungskräften des alten Systems scheitert.

Wobei Souresh Grundidee in einem weitaus größeren Rahmen dann doch ihre Umsetzung erfährt. Hier baut der Autor darauf, dass die Menschen sich nur zeitlich begrenzt ihre Freiheit nehmen und sich nicht dauerhaft ausbeuten lassen.
Die Schwächen des Romans werden nach der Lektüre der ersten Kapitel schnell deutlich und hätten durch ein umfangreiches Lektorat und eine andere Verlagspolitik vermieden werden können.
Die Übergänge zwischen einzelnen Handlungsebenen bzw. -abschnitten erfolgen teilweise zu abrupt. Weichere Übergänge wären für den Lesefluss deutlich förderlicher gewesen. Weiterhin fehlt es an Absätzen. Der gesamte Romantext wirkt wie gestaucht, so als hätte die Seitenzahl unbedingt eingehalten werden müssen. Dies ist mehr als nur ein Ärgernis.
Dann finden sich noch reichlich Formulierungs- und Rechtschreibfehler. Alles zusammen hinterlässt keinen professionellen Eindruck, sondern füttert die Vorbehalte, die Leser vor Kleinverlagen und „book on demand“ haben. Diese Punkte sollte der Verlag noch einmal kritisch überdenken und für die Zukunft abstellen.

Inhaltlich bietet der Roman einen ausgearbeiteten Hintergrund, eine wirklich tragende Grundidee und gut ausgearbeitete Charaktere. Dies kann man von vielen Debütromanen nun wahrlich nicht behaupten, so dass ich diesem Werk einen größeren Leserkreis wünsche.

ANDREAS NORDIEK

Philip Schwarz – „Visionen“
VINDOBONA-Verlag, Taschenbuch, Originalausgabe, 206 Seiten

Über den Autor:
Philip Schwarz wurde 1991 in Köln ­geboren. Mit zwölf Jahren begann er, erste Texte zu verfassen. Der Roman „Visionen“, den er mit achtzehn schrieb, stellt sein erstes umfang­reicheres Werk dar. Derzeit lebt Philip Schwarz in Erfurt, wo er sich neben dem Schreiben dem Studium der Staatswissenschaften und der Philo­sophie widmet.
Homepage: Am Rande der Unendlichkeit

 

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