Weise und desillusionierend –
Lars Hitzing, »Drei Monde«

Lars Hitzing - „Drei Monde“Selten war ich bei der Beurteilung eines ­Romans so unsicher wie bei diesem. Soll ich ihn als gelungenen, zivilisations- und zeitkritischen postapokalyptischen Entwicklungsroman kategorisieren? Oder doch eher als widersprüchliches, überpädagogisiertes Erstlingswerk eines ambitionierten Autoren, der sich schwertut, seinen eigenen An­sprüchen gerecht zu werden?
Der Ich-Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, führt uns mit ziemlich derben und deutlichen Worten in seine Welt ein. Die Welt an der Wende vom 21. zum 22. Jahrhundert, wird beherrscht von einigen wenigen Konzernen wie Google-Gazprom, Toshika-Krupp oder Nestle-All-In-One, die die Welt in drei Industriezonen Panamerika, Eurasien und Groß-Kongo aufgeteilt haben. Der Neoliberalismus herrscht in seiner reinsten Form, in dem „dem Individuum die totale Verantwortung für sich selbst“ übertragen wird. Das ist natürlich eine offensichtliche Anspielung auf den herrschenden Wirtschaftsliberalismus und die seit der Hartz IV Reform geltende Maxime der Sozialpolitik, nach der jeder sich selbst der Nächste ist. Der Protagonist braucht einige Umwege, um am Ende wieder zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

Nach einer aufwendigen Erziehung als Schüler in einem Sony-Internat und nachdem er die fragwürdigen Methoden der Erziehung nicht mehr für sich gelten lassen will, schlägt er sich jetzt als Kopfgeldjäger für eben dieses Unternehmen durchs Leben. Sein letzter Auftrag, an dem sich schon Heerscharen von Kollegen die Zähne ausgebissen haben, führt ihn in ein angeblich menschenleeres Waldgebiet. Er entdeckt dort das geheimnisvolle ­„Inlantis“, in dem eine Gruppe von Aussteigern nach einem Regelwerk ­leben, das sich „Der Kodex“ nennt.
Natürlich ist der namenlose Held fasziniert von dieser anderen Lebensweise und der einfachen Moral. Er wird „Novize“ und beginnt die „Drei Monde“ dauernde Einweisung bei dem greisen Führer der Gemeinschaft zu absolvieren. Bald begreift der Ich-Erzähler, dass auch dieses Paradies nicht frei von Konflikten ist und auch hier der Kampf um Macht und Einfluss mit bitterer Härte gefochten wird.
Und auch der innere Konflikt des Helden wir weiter geschürt, als er in Inlantis Spuren seiner Zielpersonen entdeckt und er entscheiden muss, ob er dem neuen Weg folgen oder in sein altes Leben zurückkehren soll. Die Entscheidung, die er fällt, ist ­gleichermaßen überraschend wie radikal.

Lars HitzingLars Hitzing wurde 1976 in Pirna geboren. Seit 1996 lebt er in Dresden, wo er Erziehungswissenschaften studierte. Seit 2004 ist er als Sozialarbeiter in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig. In seiner Freizeit ist er als leidenschaftlicher Kletterer auf den Felsen der Sächsischen Schweiz unterwegs und engagiert sich außerdem in der freien Rollenspielszene.
Diese kurze biographische Skizze passt wunderbar zu seinem Erstlingswerk. So ­erinnert doch die Situation in Inlantis, mit seinen Clans, den rivalisierenden Clanführern, dem Novizen, der sich um Aufnahme in einen Clan bemüht und den zum Teil einfachen Aufgaben, sehr an die Anfangs­sequenzen eines Rollenspiels.
Und auch der Pädagoge scheint das eine oder andere Mal durch. Begünstigt durch die Anlage als Entwicklungsroman und der im Zuge der Ausbildung der Novizen notwendigen Vermittlung des „Kodex“ wirkt der Ton manchmal recht belehrend. Übrigens wird der Widerspruch zwischen der Abgeschiedenheit und der geheimen Natur Inlantis und der Tatsache, dass jeden Monat neue Novizen ihre „Ausbildung“ beginnen, nie aufgeklärt. Aber vielleicht ist das auch nur der Ausdruck davon, dass es eben keine wahre Abgeschiedenheit gibt und keinen neuen Weg, unabhängig von der bestehenden Gesellschaft.

Der ursprünglich für den Roman vorgesehene Titel lautete „Und er würfelt doch“. Da es bereits ein Sachbuch mit diesem Titel gibt, konnte er nicht verwendet werden. Dabei wäre er durchaus passender gewesen, als der nach Behelf klingende „Drei Monde“. Denn es geht auch immer wieder um die Frage, nach welchen Prämissen Menschen ihre Entscheidungen treffen sollen oder ob es manchmal nicht besser ist, einfach zu würfeln. Die Entstehung und Durchsetzung von ethischen oder moralischen Grundsätzen wird ebenso angesprochen wie die Entstehung von Religion. „Religion entsteht aus der Furcht vor der un­romantischen Banalität unserer sinnleeren Daseins“, lässt Hitzing den greisen geistigen Führer von Inlantis am Schluss sagen. Das ist ebenso weise wie desillusionierend.

Es steckt viel Diskussionsstoff in diesem Roman. Man merkt ihm an, dass es Fragen sind, die den Autoren beschäftigen und die Verweise im Roman von Einstein bis Henry David Thoreau zeugen von einer ausführlichen Beschäftigung mit dem Thema.
Eine ausgewogenere Komposition zwischen handlungsorientierten Passagen und reflektierender Diskussion hätte dem Roman den oftmals durchscheinenden belehrenden Charakter genommen. Kurzum mit „Drei Monde“ ist Lars Hitzing ein Erstling gelungen, der zur Auseinandersetzung reizt. Auch damit sticht er aus der Masse der weichgespülten Dutzendware hervor.

Noch ein Wort zum Dresdner Buchverlag. Der 2009 von Peggy und Dirk Salomo gegründete Verlag ist breit aufgestellt. Neben Phantastischem gehören auch Bücher mit historischen oder regionalen ­Themen aus der Region Dresden, Kunst- und Bildbände, Kinder- und Jugendbücher für junge Leser ab 10 Jahren, Sachbücher und allgemeine Gegenwartsliteratur zum Programm. Auch wenn der Schwerpunkt auf ostdeutschen Autoren liegt, finden sich in der Verlagsliste sowohl westdeutsche als auch internationale Schriftsteller. Die Bücher des Verlages sind sehr solide und sorgfältig ­gemacht und somit auch ein haptisches Vergnügen. Die Phantastik kann durchaus als ein Schwerpunkt dieses kleinen Verlages bezeichnet werden. Grund genug, ein Auge drauf zu halten.

HOLGER MARKS

LARS HITZING – »DREI MONDE«
Dresdner Buchverlag, Dresden, März 2012, 234 Seiten, € 17,90
ISBN 978-3-941757-33-2
 

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