Zum Tod von Raymond Douglas Bradbury, genannt Ray

Fahrenheit 451Die Alten verlassen uns. Schon das ist ­erschreckend. Noch erschreckender ist der Gedanke daran, wie lange sie uns schon begleitet haben. Dass wir ihre ­Werke in jungen Jahren begeistert entdeckten, mit denen sie uns neue Welten eröffneten und in denen wir noch immer aber nach vielen Jahren mit weniger ­jugendlicher Begeisterung und abgestumpft von ubiquitärer medialer ­Berauschung schwelgen.

Nun hat es Ray Bradbury erwischt. Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte war die erste Reaktion eine ungehörige: „Oh, er lebte noch!“. Ray Bradbury wurde 91 Jahre alt. Immer wieder fielen mir seine Romane, ob es die bekannten Science Fiction Romane oder die eher poetischen, romantischen Mainstream-Novels waren, in die Hand. Er hat mich eine lange Zeit begleitet. Und wird es auch zukünftig.

Wie gewaltig sein Bekanntheitsgrad und sein Einfluss war, zeigt die Reaktion aus dem Weißen Haus. Präsident Obama ließ mitteilen: dass „für viele Amerikaner die Nachricht vom Tod Ray Bradburys sogleich Bilder aus seinen Büchern in Erinnerung gerufen hat, die dort seit jungen Jahren eingeschrieben waren“. Bradbury sei sich bewusst gewesen, dass „unsere Einbildungskraft dazu genutzt werden kann, Dinge besser zu verstehen, sie zu verändern und unsere tiefsten Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen“. Seine Werke würden „ohne Zweifel noch viele Generationen in­spirieren“, schreibt Obama weiter (zitiert nach FAZ vom 7. Juni 2012).

Auch das heimische Feuilleton würdigte Bradbury als einen der ganz Großen der phantastischen Lieteratur ohne im gleichem Atemzug darauf hinzuweisen, dass seine ­literarische Bedeutung weit über das Genre hinaus ging und Bradbury sicherlich eine besonders Stellung unter den Altmeistern der Science Fiction hatte, denn: „er schrieb zwar Science Fiction, war aber kein Freund des technischen Forschritts. Seine Vision des noch nie Dagewesenen war sowohl poetischer wie skeptischer.“ (Dietmar Datz in der FAZ vom 6. Juni 2012)
Dabei war er einer der typischen Vielschreiber seiner Zeit. Während seiner langen Schaffensperiode entstanden mehr als
500 Kurzgeschichten und zehn Romane. Gedichte, Essays und Filmdrehbücher u. a. für eine „Moby Dick“-Verfilmung und für „Twilight Zone“.

Der österreichische Standard enthüllt in einem kurzen Nachruf die Entstehungsgeschichte von Bradburys wohl bekanntestem Roman „Fahrenheit 451“, den der Autor selber gerne als „Groschenroman“ bezeichnete. Als Vater zweier Töchter zog sich der junge Autor in einen Uni-Schreibsaal zurück, wo man mit Münzautomaten versehene Schreibmaschinen mieten konnte. Dort, so Bradbury, hämmerte er „für zehn Cent pro halbe Stunde meine gehetzte Prosa in die Maschine.“ Das Buch kostete ihn schließlich 9 Dollar und 80 Cent. (derstandard.at, 7. Juni 2012).

The Martian ChronicesEine gute Investition, die ihn weltberühmt machte, viel mehr als die „telepathischen Marsbewohner und liebeskranken Seemonster: von denen Spiegel Online schreibt und dabei wieder einmal das Bild des Pulp-Autoren bemüht. Der Spiegel charakterisiert ihn als eher konservativen dem technischen Fortschritt skeptisch gegenüberstehenden Menschen: „Science Fiction hat überhaupt nicht das Geringste mit der Zukunft zu tun,“ sagte Bradbury dem Spiegel, „sie handelt nur von heute. Und das, womit man sich heute beschäftigt, das ändert das Morgen. Man kann die Zukunft nicht haben, wenn man nicht an ihr aktiv ­mit seiner Phantasie in der heutigen Welt ­arbeitet.“
Für die jeweils jüngsten Entwicklungen der Technik hatte Bradbury als Visionär ­allerdings wenig übrig. Das Internet bezeichnete er laut Nachrichtenagentur Reuters als „scam“ („Betrug“). Videospiele hielt er demnach für „eine Zeitverschwendung für Männer, die nichts anderes zu tun haben.“ (Spiegel-Online, 06. 06. 2012).

Mal ging er skeptisch, mal ironisch mit dem Interieur des Phantastischen um. In der letzten Geschichte seiner bekanntesten Anthologie „Der illustrierte Mann“ rechnet er mit den Träumen nach einer interstellaren Raumfahrt für alle ab. Und – ganz der Romantiker – gönnt sich trotzdem einen melancholischen und versöhnlichen Blick auf den Wunsch, mit einem Raumschiff das All zu durchstreifen. Denn „Das Raumschiff“ in der gleichnamigen Geschichte ist aus Schrott gebaut. Die Reise durch das Sonnensystem, die der Vater mit seinem Kindern unternimmt, bleibt eine Illusion, die den Kindern aber ein unvergessliches Erlebnis verschafft. Es ist eine heiter-traurige Abrechnung mit dem Genre der Science Fiction, dessen „immer höher, schneller, weiter“ sich mit dem Leistungsdenken der Industriegesellschaften paarte.

The Illustrated ManBradbury konnte alles. Er beherrschte die literarische Klaviatur mit einer leichten, manchmal gehetzt klingenden Stimme. In seinem Lebenswerk vereinigen sich beißende Satire mit großen Emotionen, Gefühle von Verloren- und Geborgenheit, Kindheitsträume, unerfüllbare Wünsche und die große Sehnsucht nach Glück. Manifestiert zum Beispiel in der Figur von Leo Auffermann in dem eher von Kindheitserinnerungen geprägten Roman „Löwenzahnwein“ der für seine Nachbarn eine „Glück-Maschine“ bauen will.

Fritz Göttler findet in der Süddeutschen Zeitung vom 8. Juni 2012 noch eine andere Konstante in Bradburys Werk: „Der Wind war sein Begleiter, sein Medium, er ist überall in seinem Werk, der Wind der Ebenen des amerikanischen Westens oder der Wind der Wüsten des Mars. Der Wind, der die Seelen der Toten sammelt und ihre Stimmen speichert und die Lebenden attackiert mit ihren Erinnerungen.“ Am 5. Juni 2012 gefiel es dem Wind des Schicksals die Seele von Raymond Douglas Bradbury mit sich zu nehmen. Die Erinnerung und seine Geschichten bleiben.

HOLGER MARKS

 

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