Ritter des Neoversums –
Interview mit Hermann Ritter

Perry Rhodan Neo Nr. 20

Hermann Ritter ist ein alter Hase in Fandom und Perryversum, ein cooler Con-Moderator, Redakteur der Perry-Rhodan-Clubnachrichten und auch regelmäßiger Autor des Fandom Observer. Als Romanautor verfasste er einen Beitrag zum BATTLETECH-Universum (2006, mit Erik Schreiber), zwei Heftromane für PERRY RHODAN ACTION (2009) und ebenfalls zwei Beiträge für PERRY RHODAN NEO, die letztes Jahr gestartete Taschenheft-Serie, in der die „Perry Rhodan“-Geschichte in modernisierter Form neu erzählt wird. Gerade ist als NEO Nr. 20 sein Roman „Die schwimmende Stadt“ erschienen.
Im Juli sprach Olaf Brill mit Hermann übers Schreiben, PERRY, NEO, SHERLOCK, Essenz, Kotze, Stürze aus freiem Himmel und den ganzen Rest.

Klaus Frick nennt sich einen „Gelegenheitsautor“. Wie ist das bei dir?

Naja, ich schreibe irgendwie immer – nur nicht immer Prosa. Also bin ich ein Andauerndautor ohne Kunden …

Haha, wenn du den Auftrag für einen PERRY NEO erhälst, kommen ja schon ein paar Kunden zusammen. Ich könnte mir vorstellen, da ändert sich so einiges an deiner täglichen Routine, bis du die 160 Seiten zusammenhast?

Hihi, es ist nicht nur NEO. Da gibt es eine wöchentliche Kolumne (ich lehne das Wort „Blog“ dafür ab) unter homomagi.de, versprengte Kurzgeschichten, Gedichte, Lieder … Meine tägliche Routine ändert sich nur dahingehend, dass ich die Wochenenden „frei“ halte und abends mit diversen Nougat-Riegeln schreibe und schreibe und schreibe – und auf der Arbeit immer mal wieder Notizzettel bekritzele, wenn ich eine „tolle“ Idee habe.

Das mit den Notizzetteln mach ich auch so! Auf meinem Schreibtisch liegt ein großer Haufen davon. Großartig, wenn man so eine Idee wiederfindet, den entsprechenden Text aber inzwischen schon längst abgegeben hat … Zurück zu deinen Romanbeiträgen fürs Perryversum: Ich kann mir vorstellen, dass es besonders toll ist, da ja nun schon mehrfach in die heißgeliebte Anfangszeit der Serie zurückkehren zu dürfen, mit Crest und Thora, Betty Toufry und Dr. Manoli?

Naja, ob das die „heißgeliebte Zeit“ für mich ist … okay, ich mag den Anfang, aber ich liebe die „Meister der Insel“ und bin ein großer Fan der Kranen … Aber Manoli hat mir wirklich Spaß gemacht.

Ich finde, die größte Stärke von NEO ist die Ausarbeitung klassischer Figuren, die in der Originalserie zu kurz gekommen sind. Welche dieser NEO-Figuren gefallen dir noch?

Das mit der Stärke sehe ich genauso – ein „Rückspiel“ mit bekannten Figuren oder so. Und der mir gefällt. Tja, Manoli (was irgendwie klar war), ansonsten Bull(y). Ist so eine deutlich stärkere Figur als früher.

Manoli geht in deinem aktuellen NEO „Die schwimmende Stadt“ auf Entdeckungsmission im Weltraum. Und stimmt, Bully ist jetzt nicht mehr der ewige Sidekick. Gelungen fand ich auch, dass Clifford Monterny schon früh als Gegenspieler eingeführt wurde, mit der Mutantenhandlung. Nur schade, dass er nicht als Gegenspieler erhalten geblieben ist, sozusagen Perrys Lex Luthor.

Naja, er hatte auch mehr Haare als Lex. Und Lex Luthor war die stärkere Figur (oder ist  die stärkere Figur) als Monterny, der immer ein wenig wie ein „Moriarty für Arme“  wirkte. Da sind mir andere Gegner lieber gewesen … aber richtig, man hätte da mehr  draus machen können.

Sehr schön, dass du Moriarty erwähnst! Eine, wie ich finde, total gelungene  Neuinterpretation eines klassischen Stoffes ist ja zurzeit die britische Fernsehserie SHERLOCK. Kaum zu glauben, dass es möglich war, SHERLOCK HOLMES ohne das viktorianische Setting neu zu erzählen und dem Stoff dennoch treu zu bleiben. NEO muss ja einen ähnlichen Trick vollführen: modernisieren, variieren, und dennoch dem ursprünglichen Stoff im Kern treu bleiben. Was ist die Essenz von PERRY RHODAN?

Oops, da hast du mich auf einem meiner Lieblingsfelder erwischt – Holmes. Ich LIEBE SHERLOCK. Gigantisch. Eine brillante Umsetzung, tolle Schauspieler … ach, einfach ein gigantisches „Re-Launch“. Aber man hat hier alles richtig gemacht: Die Essenz ist noch da.
Vielleicht ist das bei RHODAN viel viel schwieriger. Erstens gibt es keinen gemeinsamen Autor (okay, SHERLOCK verwendet auch Nicht-Doyle-Quellen, aber das ist „nitpicking“), zweitens ist die Menge der Literatur, die man einbeziehen müsste, deutlich größer. Und ob Carfesch in den ersten 50 Bänden von PERRY RHODAN Sinn gemacht hätte … man muss es halt probieren. Achja, die Frage. Essenz. Hmpf. Weltraum. Eine Berufung der Menschheit. Eine humanoide Galaxis (zumindest im „Westen“). Moralische Prinzipien. Mensch bleiben.

Ich habe es immer so gesehen: Die Essenz von PERRY RHODAN sind die ersten 19 Hefte: Der Flug zum Mond, das Treffen mit den Arkoniden, Vorstoß ins Wega-System, das Galaktische Rätsel und als Belohnung die Unsterblichkeit auf Wanderer. Danach hätte die Serie viele andere Wege gehen können. Aber wenn diese Essentials nicht drin sind, dann isses nicht PERRY RHODAN. Bei dem Tempo, mit dem ihr in NEO vorgeht, könnte man  aber auf die Idee kommen, dieser Perry braucht gar keine Zelldusche, um das Universum zu erben, oder?

Naja, wie erbt man ein Universum? Oder: Wer vererbt einem das Universum? Das wird doch bei PERRY nie geklärt. Und natürlich gehen nicht „wir“ so vor, sondern das Expose … aber das ist schon ein hoher Takt, in dem wir da vorangehen. Gefällt es dir denn, was da  geschieht? Ich meine, du bist auch seit (gefühlt) 1926 im deutschen Fandom unterwegs, oder? „Thunderbolt“???

*rotwerd* Du erinnerst dich daran, dass ich Thunderbolter war? Ähem, ich finde ja, NEO sollte eigentlich noch wesentlich radikaler vorgehen, was die Zusammenführung tragender Ideen aus ganz unterschiedlichen PERRY-Zeiten angeht. Gerne „Die Meister der Insel“  jetzt gleich, und Carfesch und kobaltblaue Walzen gehören auch rein, immer her damit! Worüber ich mir noch nicht so sicher bin, ist das Konzept, NEO im Prinzip erstmal als  Endlos-Serie anzulegen. Ich habe das Gefühl, hier wäre das Konzept einer „Miniserie“ besser gewesen, über dreißig oder fünfzig Bände, an deren Ende Perry tatsächlich „das Universum erbt“, was immer das heißen soll …

Tja, das mit der Miniserie hat doch schon bei der (ersten) PERRY-RHODAN-Serie nicht geklappt, oder? Man kann nicht einfach sagen „das endet mit 50 Heften“, dann ist der „Charme“ der Fortsetzungsserie dahin. Und wenn man Carfesch rein nimmt – müssen dann nicht auch Haluter, Kranen und Ribald Corello rein? Ich weiß nicht. Und noch einmal: Wie erbt man ein Universum?

Am Ende, wenn alle Geschichten erzählt sind, sagt jemand: „Das Universum ist jetzt dein“ – und Perry segelt, radelt, gleitet hinfort, vielleicht zu vielen weiteren Abenteuern … Ende. Die Frage ist: Der klassische PERRY ist ja eine Saga von der Eroberung des Weltalls. Die  passte gut in die Entstehungszeit der klassischen Serie, als man noch glaubte, 1980 würden Menschen auf dem Mars landen. Man hatte Angst vor dem Atomkrieg, also war die Einigung der Menschheit ein wichtiges Thema. Heute gibt es andere Entwicklungen, die in die Zukunft weisen, und andere Gefahren für den Planeten. Kann da eine Space Opera wie PERRY NEO überhaupt noch eine zeitgemäße, moderne SF-Serie sein?

Hm, irgendwie gehören wir doch zu der „lost generation“ – wir wuchsen im Glauben an Magnetschwebebahnen und Mars-Kolonien auf, erlebten die Einstellung des  Mondprogramms und leben in einer Retro-Zukunft. PERRY und SF in den 50ern oder 60ern zu machen war viel einfacher – die Zukunft war offen. Heute ist sie … zu. Aber  natürlich gibt es zeitgemäße Ansätze. Was die meisten Fans übersehen: PERRY ist erwachsen geworden. Keine „Mädels“ mehr, sondern Frauen in verantwortlichen Positionen. Keine schlitzäugigen Asiaten mehr, sondern Charaktere. Keine Hiroshima- Mutanten mehr und keine Kalter-Krieg-Kotze. Ökologie. Sexualität und deren freies Ausleben. Religion und Religionsfreiheit. Das ist auch „fiction“ und ein weiches „science“ – eben keine wie Glocken schwingende Raumschiffhüllen im Beschuss.

Die Frage ist: Wenn PERRY erwachsen wird, ist er dann noch der PERRY, den wir lieben?

Wird man erwachsen, wenn man PERRY nicht mehr liest? Wie war die Frage vor vielen Jahren: „What is the Golden Age of Science Fiction?“ „14“. Nein, ich finde den Ansatz mit „erwachsen“ falsch, um das zu erklären. PERRY ist ein Phänomen, das es in jeder Zeit  gegeben hat. Ich denke, dass die Heftromane der Zwischenkriegszeit dieselbe Rolle erfüllen wie heute PERRY. Ich denke da an SUN KOH oder auch Karl Mays „Serienhelden“. Eine Identifikationsfigur, mit der eine Generation in der frühen Jugend Kontakt bekommt und  die einem bis ins Alter als liebevolle Erinnerung erhalten bleibt. Und jede Lesegeneration muss einen neuen Zugang zu PERRY finden. Ich finde zum Beispiel Karl May ziemlich  langweilig, aber da gibt es ja Hüter des Grals, die das anders sehen. Was ist jetzt der echte Perry – der aus der Erstauflage? Der aus den Leihbüchern? Der aus den Taschenbüchern?  Der aus den Hörspielen? Der aus den Comics? Der aus dem Rollenspiel? Der aus dem Computer-Rollenspiel?

Für mich tatsächlich die Figur, die ich als Jugendlicher kennen gelernt habe, vielleicht sogar eher mit 11 oder 12. Da will man Literatur lesen, die man selber für erwachsen hält. Ob’s dereinst jemand mit dem NEO-Perry so geht? Gerade die Hauptfigur ist ja deutlich  modernisiert worden: nicht mehr der unerbittliche Anführer, der „die Menschheit groß und stark sehen“ möchte, sondern ein Humanist, der immer nur das Gute will. Und der zum Glück immer wenn er fällt von einem Netz aufgefangen wird.

Das Netz … ach, das … äh … Ohne meinen Anwalt sage ich dazu nichts. Und das mit der  Literatur, die man als „gewagt“ ansehen könnte, stimmt. Ich bin weiterhin ein Fan von MARK BRANDIS – für mich purer Humanismus im Weltraum. Mal sehen, vielleicht signiere ich in 20 Jahren Hefte von Erwachsenen, die mit feuchten Augen erzählen, dass damals die Szene mit dem Netz …

FO-Lesern, die deinen Roman nicht kennen, sollte man hier erklären, dass es da in „Die schwimmende Stadt“ eine gewisse Szene gibt, die … na, lassen wir das! Mir scheint, dass in NEO statt Überwindung des Kalten Krieges und Einigung der Menschheit einige andere Themen wichtiger sind: Umweltschutz, Respekt vor der Natur und anderen Lebensformen statt galaktischem Kolonialismus. Frank Borsch scheint daran besonders viel zu liegen, und PERRY RHODAN hat auf dem Weltcon ja auch Verbundenheit zur Organisation Sea Shepherd demonstriert. In deinem Roman kommt dieser Gedanke besonders zum Tragen. Oder siehst du das anders?

Ehrlich gesagt … so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber ich sehe mich als Humanist, von daher ist es wohl eher unbewusst, wenn so etwas einfließt. Ich hatte viel Spaß an der Charakterisierung der Eingeborenen, der Darstellung der „two cultures“, die da  aufeinandertreffen. Ich hoffe, man merkt das …

Ich finde vieles gelungen, anderes hat einfach nicht den Drive, den die Ursprungsserie in  ihrer Zeit hatte. Bin auf jeden Fall gespannt, wie’s weitergeht. Was meinst du, wie’s mit  dem Neoversum läuft: Gibt es irgendwann auch da das fünfzigjährige Jubiläum? Wenn’s vorher endet, würde ich mir einen schönen Abschluss wünschen, wie bei einer guten  Fernsehserie, die nach sieben oder neun Staffeln dann doch zu Ende geht. Wünsche dir auf  jeden Fall, dass du vorher noch die Gelegenheit bekommst, einen Meister-der-Insel- oder einen Krandhor-Roman zu schreiben.

Naja, in Wirklichkeit träume ich von einem „Thunderbolt“, in dem einer der Siganesen Brillaf heißt … aber BUFFY, FIREFLY und STAR TREK haben bewiesen, dass man noch Geschichten übrig haben kann, wenn die Umsetzung endet. Ich hoffe auf ein Jubiläum, aber das zwanzigjährige würde mir schon langen. Und einen MdI-Roman mit Mirona im  Neoversum … hm, das hätte doch etwas. Schon gar, da heute deutlich mehr Sex und Erotik möglich ist als noch in einem Heftroman der 60er.

DAS INTERVIEW FÜHRTE OLAF BRILL

 

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