SFCD: Urlaubs-Con und Meer in Kiel

Unter dem Motto »Urlaubs-Con und Meer« hatte das SF-Dinner Kiel vom 20. bis zum 22. Juli 2012 zum SFCD-Jahrescon in die Jugendherberge der Hafenstadt eingeladen. Da durfte ich natürlich nicht fehlen! Nachdem ich den Schock verdaut hatte, nicht wie geplant zusammen mit Michael Haitel und Ralf Bodemann in den hohen Norden zu brausen, fand ich mich am Freitagmorgen auf einem finsteren Parkplatz im Münchner Stadtteil Feldmoching vor einem roten VW-Bus ein, um meine Reisegefährten kennenzulernen: eine hübsche junge Frau, eine weniger hübsche und junge Frau, einen schrägen Alt-Hippie samt Hund und einen hibbeligen jungen Mann, der uns allen zur Begrüßung einen Zettel in die Hand drückte, der ihn im Falle eines Unfalls von allen rechtlichen Folgen freisprach. Das fing ja gut an …

Mein erster Eindruck von der seltsamen Reisegesellschaft trog mich nicht. Ich hoffe immer noch, dass ich der jungen hübschen Dame die Träumereien von einer Brustvergrößerung ausreden konnte: Fortschritt hin, Schönheit her – Silikon macht für mich nur als Material für Muffinförmchen Sinn. Die Reisegefährtin auf dem Beifahrersitz schwieg sich munter aus, daher soll auch über sie geschwiegen werden. Schier in den Wahnsinn trieb mich die Marotte des Fahrers, so selten wie möglich und das stets unangekündigt für maximal fünf bis zehn Minuten eine Pause einzulegen. Wer wie ich eine Kinderblase besitzt, weiß, wie sehr ich gelitten habe … Viel inspirierender als die übrigen Reisegenossen war der Alt-Hippie, der – sudetendeutsch-bengalischer Herkunft und als Freiberufler fürs Fernsehen tätig – mich bestens mit wilden Geschichten aus Indien und der TV-Welt zu unterhalten wusste. Seit der Fahrt nach Kiel habe ich völlig neue Ideen, wie ich das Problem »alternative Leichenbeseitigung« in den Griff bekomme – als Autorin, versteht sich! Zwischendurch flauschte ich dem mitreisenden Hund die Ohren und fragte mich, wann wir denn endlich unser Ziel erreichen würden.

Schlappe 13 Stunden, nachdem ich in München die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, war es dann so weit. Der Fahrer entledigte sich meiner an einem Kieler Straßenrand mit der vagen Beschreibung des Weges zur nächsten Bushaltestelle. Mei, war das kalt in Kiel! Ich hüllte mich enger in mein Strickjäckchen und schleppte mein Gepäck zur Haltestelle. Was für ein Glück – ich musste nur zehn Minuten warten … Sehnsüchtig und mit knurrendem Magen schielte ich auf einen noch geöffneten Penny-Markt auf der anderen Straßenseite (Wissen die Kieler eigentlich, wie gut sie es haben? Bei uns in München werden Punkt 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt – spätestens.): Sollte ich es riskieren, den Bus sausen lassen und mich mit lebensnotwendigen Vorräten eindecken? Aber nein, ich konnte ja im Hotel etwas essen! Dachte ich … Nach einer zwanzigminütigen Busfahrt glücklich dort angekommen, wurde mir jedoch freundlich, aber bestimmt erklärt, dass die Küche um 21 Uhr schließe. Es war 21:12 Uhr … Auf seiner Website wirbt das Hotel damit, bis 21:30 Uhr »durchgehend warme Küche« anzubieten. Ne, ist klar, in Kiel schlagen die Uhren offenbar anders. Leicht entnervt rummste und wummste ich mein Gepäck in den ersten Stock – natürlich verfügte das Hotel nicht über einen Fahrstuhl – und sah mich in meinem Zimmer um. Die freudig erregt geöffnete Minibar entpuppte sich bedauerlicherweise wirklich als »Bar« und bot außer Unmengen an Alkohol lediglich langweilige, leicht angemufft wirkende Schokolade und eine winzige Packung Erdnüsse. Nun ja, besser als nichts. Gierig stopfte ich die fettigen Nüsslein in meinen Mund, packte meine Sachen aus und wartete auf Ralf Bodemann, meinen phantastischen »Hüter des Hortes«, SFCD-Mitglied und hoffentlich bald Mitleidenden in dieser antikulinarisch eingestellten Herberge. Denn wie heißt es so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Zu meiner angenehmen Überraschung klopfte Ralf, der mit der Bahn angereist war, nur eine knappe Stunde später an meine Tür. Ein Novum – keine Verspätung bei der Deutschen Bahn! Kurz liebäugelten wir beide mit der Idee, in der Jugendherberge nach Überlebenden des ersten Con-Tages zu forschen, doch schließlich siegte der Hunger und wir machten uns auf den Fußweg zum Hauptbahnhof, um endlich, endlich Nahrung zu ergattern. Ein türkischer Imbiss war unsere Rettung. Bei leckeren Speisen und einem Glaserl Wein plauschten wir über Vereinsangelegenheiten und tauschten Neuigkeiten aus. Ein bissl verrückt war das schon: Ralf und ich sind seit Langem befreundet und leben beide in München, mussten aber erst nach Kiel reisen, um die Zeit für ein persönliches Gespräch zu finden. Gestärkt kehrten wir nach dem Essen zurück ins Hotel und beschlossen, den Tag Tag sein zu lassen.

Simone Edelberg

Punkt 7:58 Uhr saß ich am Samstagmorgen frisch geduscht und kopfrasiert am Frühstückstisch. Muss ich erwähnen, dass Ralf sich verspätete? Aber so sind die Männer: Sie brauchen halt immer ein wenig länger im Bad. Das Frühstückbuffet versöhnte mich wieder mit dem Hotel – es bot zwar keine besonderen Leckereien, war aber immerhin üppig genug bestückt, um mich durch den Tag zu bringen. Und wieder irrte ich mich. Aber dazu später mehr. Nach der – geschätzten – achten Tasse Kaffee und einem schnellen Zähneputzen spazierten wir bei herrlichem Sonnenschein zur Jugendherberge, um rechtzeitig zum ersten Programmpunkt des Tages vor Ort zu sein. Grenzenlos verblüfft war ich, dass ein Teil des Weges bergan führte, ja, sich geradezu als hügelig entpuppte. Und da sage mal einer, Norddeutschland sei flach! Ich weiß jetzt, dass das nicht stimmt. Als ich aus der Puste geriet, machte Ralf sich lautstark über mich lustig. Pöh, ich möchte ihn mal sehen, wie er auch nur fünf Minuten Fußmarsch in meinen hochhackigen Stiefeletten bewältigt! (Da kommt mir doch glatt eine Idee für eine zusätzliche Attraktion auf dem MucCon … Ralf, mein Lieber, nimm dich in acht!)

An der Jugendherberge angekommen, wies uns ein Schild den Weg in den Keller. Unten stolperten wir regelrecht über Phantast und SFCD-Mitglied Stefan Kuhn und Ralf Boldt im angeregten Gespräch, zu dem sich dann auch noch Roger Murmann gesellte. Schnell schwatzten wir uns fest. Irgendwann fiel Ralf und mir dann wieder ein, dass wir ja den Con besuchen wollten und machten uns auf den Weg zur Kasse. Da saß aber keiner: Con-Macher Marc Hinrichs war damit beschäftigt, das (kleine) Chaos zu bewältigen, das die Unpässlichkeit seiner Frau und Mitstreiterin Anissa verursacht hatte. Neugierig sah ich mich um und entdeckte Heidrun Jänchen hinter einem Berg von Büchern aus dem Wurdack Verlag, Harald Giersche und seine Frau vom Begedia Verlag, Eckhard D. Marwitz mit seinem schicken ConFact-Apparillo, Matthew Kunkel, Thomas Recktenwald, Birgit »BiFi« Fischer und viele, viele andere altvertraute Gesichter. Ich fühlte mich wie auf einem Familientreffen. Wir machten die Runde und man riet uns, uns einfach selbst mit einer Con-Tüte zu versorgen. Gesagt, getan! Beim Hineinlugen entdeckte ich das Taschenbuch »Rückkehr zum Mittelpunkt der Erde. Neue Jules-Verne-Geschichten« – wie cool war das denn? Marc und Anissa hatten es geschafft, für alle Besucher ein literarisches Schmankerl zu besorgen. Edler Spender der Bücher: der Kieler Antiquar Peter den Hoet. Eine tolle Idee, die Nachahmer verdient! (Und auch Nachahmer bekommt.) Plötzlich stand wie aus dem Boden gewachsen Marc neben mir und begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln. Er hatte im Vorfeld vor allem im SF-Netzwerk viel Kritik für die Organisation und Kommunikation des SFCD-Jahrescons einstecken müssen und ich freute mich sehr darüber, dass dies seiner Fröhlichkeit offensichtlich keinen Abbruch tat. Ich gratulierte ihm zu seinem Mut, einen Con in Kiel zu organisieren und wir tauschten uns über Erfahrungen aus, die man als junger Con-Macher erlebt. Zwei Visionäre unter sich, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch geeint durch eine Idee: das Fandom zu bereichern.

Die Zeit verging wie im Flug. Den Frühschoppen hatte ich ebenso mit lieben Menschen verplaudert wie den sicher interessanten Astronomie-Vortrag der Sternwarte Neumünster. Egal! Viel interessanter fand ich das Gespräch mit Hannah Steenbock, die ich 2007 im Forum der Edition Geschichtenweber kennengelernt und zuletzt vor zwei Jahren auf dem BuCon getroffen habe. Ehrensache, dass ich ihre Lesung besuchte und den Vortrag von Professor Dr. Tobias Hochscherf über die deutschen Wurzeln britischer SF in Film und Fernsehen ausließ. Hannah stellte »Irinas Rache« vor, faszinierte uns mit spannenden Passagen aus dem Roman »Der Mannwolf von Königsberg«, den sie gemeinsam mit Timo Bader verfasst hat, und las zum Schluss ihre brandneue »Alien Cat«-Geschichte vor, von der ich mir dringend eine Fortsetzung wünsche.

In der Mittagspause wollte ich eigentlich mit BiFi über gemeinsame SFCD-Projekte sprechen, habe mich dann aber erneut mit Hannah verquatscht – so, wie es halt auf Cons üblich ist. Danach genoss ich den amüsanten Vortrag von Michael Wachow and friends über »unbekannte SF-Werke« und machte mir dabei im Geiste eine Riesenliste von Büchern, die sicher bald meinen SUB-Stapel bereichern werden. Dann stand die Verleihung des DSFP vor der Tür. Inzwischen knurrte mir der Magen. Hätte ich doch nur nicht das Mittagessen ausgelassen! Rasch zog ich mir ein Packl Eiskonfekt aus dem Automaten und überstand so – mit Mühe – die Preisverleihung. Die Lesung der Gewinner Heidrun Jänchen (beste deutschsprachige SF-Kurzgeschichte) und Karsten Kruschel (bester deutschsprachiger SF-Roman) schenkte ich mir aber, um vor meiner eigenen Lesung, die leider parallel zu Dr. Jürgen R. Lautners Steampunk-Vortrag lief, noch ein wenig auszuruhen. Vor einem kleinen, aber feinen Publikum las ich Werke von Dr. Karsten Beuchert, Gabriele Behrend und Inga Westermann aus der im WortKuss Verlag veröffentlichten Sammlung »2112. Geschichten aus einer dystopischen Welt« und verdarb damit mindestens einem Besucher den Appetit aufs Abendessen. Dystopien sind halt nichts für einen schwachen Magen.

Apropos starker Magen: Den hätte ich beim anschließenden Besuch eines kroatischen Restaurants gut gebrauchen können! Sehen wir einmal davon ab, dass für Vegetarier so gut wie nichts auf der Speisekarte stand und ein anwesender Veganer dort glatt verhungert unter den Tisch gerutscht wäre. Sehen wir auch davon ab, dass ich meinen aus magenknurrender Verzweiflung bestellten Vorspeisen-Mix aus frittiertem Schafskäse und gegrillten Pilzen erst erhielt, als rund zehn Leute am Tisch mit ihrer Hauptspeise fast fertig waren. Was mich aber nachhaltig traumatisierte, war die Übelkeit, die mich beim Essen befiel und die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die man selbst Tiefkühlkäse und Pilzen aus der Dose (würg!) nicht antun sollte. Dass ich für diese nur halb angerührte »Köstlichkeit« dann auch noch eine Summe auf den Tisch legen durfte, für die ich im teuren München eine Edelpizza erhalten hätte, schlug dem Fass endgültig den Boden aus. Merke: Vegetarier, kommst du nach Kiel, dann bringe dein eigenes Fresspaket mit!

Leicht angeschlagen und schwer unterzuckert schwankte ich mit den anderen zurück zur Jugendherberge. Wo ich dann noch an der Verleihung des Curd-Siodmak-Preises teilnahm, eifrig am aktuellen ConFact tippselte (Ausgabe 105, wenn ich mich richtig erinnere), Ecki ein Bier ausgab und ihm gestand, dass er mir im letzten Jahr auf dem DORT.con einen Heidenbammel eingejagt hat (was ihn sehr ins Grübeln brachte), ich jetzt aber durchaus bereit sei, mit ihm und BiFi die Weltherrschaft anzustreben. Was offensichtlich »Harri mit i« Giersche so erheiterte, dass er uns allen eine weitere Runde Holsten-Bier spendierte und wir in guter Stimmung Eckis Vortrag »SF versus Porno« besuchten. Doch der letzte Programmpunkt des Tages bot mehr Höhepunkte, als eine alte Frau wie ich verkraften kann. Ecki, oh Ecki, was hast du mir nur angetan? Jetzt, wo wir Bruder und Schwester im Geiste sind und überlegen, gemeinsam mit Jürgen in London eine Steampunk Soap Opera aufzuführen? Das lila Alien und seine brünette Gespielin waren auf leeren Magen ja schon heftig. Aber mit Harry und Hermine hast du mir den Rest gegeben. Ich sage nur: »Erecto!« Die Harry-Potter-Bücher werden für mich nie mehr ihre einstige Unschuld besitzen. Kein Wunder also, dass mich Ralf Boldt zu später Stunde mit Keksen mühsam wiederbeleben musste. Infolge der süßen Fütterung ging es mir wieder besser und ich konnte den restlichen Abend in geselliger Runde genießen. Nachdem mich Jürgen und Roger am Hotel abgesetzt hatten, fiel ich allerdings trotz der Kekse in einen traumbewegten Schlaf, in dem mich violette Außerirdische verfolgten …

Vom restlichen Con bekam ich am Sonntag nicht mehr viel mit, da ich meinen Pflichten als Beirätin des SFCD nachkommen musste. Die Mitgliederversammlung des SFCD verlief erfreulich harmonisch. Für mich war es die erste, die ich auf der anderen Seite des Vorstandstisches verbracht habe und ich darf gestehen, dass ich auch dort meinen Spaß hatte. Danach – viel zu früh für meinen Geschmack – musste ich Lebewohl sagen. Zum Abschied schenkte Marc mir noch eines der von mir bewunderten Con-Banner. Danke! Gemeinsam mit Stefan Kuhn und Ralf Bodemann machte ich mich auf die vergnügliche Heimfahrt nach München. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

SIMONE EDELBERG

 

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Eine Antwort auf SFCD: Urlaubs-Con und Meer in Kiel

  1. RoM sagt:

    Ein Con-Bericht voll wärmendem Humor. Eben der regt zur Lektüre an. Ich habe mich also schmunzelnd durch die herrlichen Zeilen gelesen. Immer wieder daran erinnert, daß mir dies und jenes selbst auf Cons eine Anekdote eingebracht hat (Kohldampf!).
    Trefflich geschrieben!