Wer bezahlt das und wozu???

Werbung mal anders:
Alternate Reality Games

Diese Frage stellte ich mir vor einigen Wochen, als ich ein obskures Päckchen ohne Absender mit höchst mysteriösem Inhalt erhielt. Ein stabiles, schwarzes Pappkästchen mit einem mit Bast umwickelten, echtem schwarzem Tierfell, in dem ein Holzplättchen steckte, das ein mit Brennkolben eingebranntes Symbol zeigt. Des weiteren zwei trockene Aststücke, könnte Kirschbaum sein, und eine getürkte Kopie eines Zeitungsausschnitts, der kunstvoll abgerissen ist.
Als leidgeprüfter Malermeister und Werbesendungsempfänger kratzte ich mich doch verwundert am Kopf. Als routinierter Wegschmeisser ungeöffneter Werbezusendungen aller Art hatte es doch tatsächlich ein Päckchen geschafft, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ganz klar, das Ding ist hochprofessionell aufgemacht, soll aussehen wie eine individuelle Zusendung, ist auch höchst arbeitszeitaufwendig, mit hochwertigem Materialien, eindeutig kein billiger Gag -  doch wo bitteschön ergibt sich für den Versender ein merkantiler Effekt? Ich fragte mich: Wie viele Personen wurden mit einem derart aufwendigen Päckchen bedacht? Bei solch hochpreisigen Werbeaussendungen würde ich auch erwarten, daß man sich die Werbeempfänger gut aussucht, Streuverluste tun da besonders weh… wieso also ausgerechnet ich als notorischer Ignorant jeglicher Schriftgüter???
Nachdem das Päckchen also durchaus mein Interesse geweckt hatte, schaute ich mal näher. Mit verschieden großen Buchstabenstempeln befindet sich auf der Schmalseite des Päckchens das Wort “Erzählkosmos”. Also ins Internet und nach “Erzählkosmos” gesucht – führte zu nix sinnvollem.
Dann diese Kopie “Suchaktion erfolgslos abgebrochen – junge Archäologin gilt weiterhin als vermisst” – im Text wird der Name dieser Figur mit Josephine Martenstein angegeben. Suche im Internet führte auch ins Leere und ich musste dem Macher dieser Werbesendung meinen Respekt zollen: Es ist nicht leicht, einen Namen zu erfinden, der im Netz nicht tausendfach zu finden ist, sondern einfach völlig ins Leere führt.
Nachdem das Päckchen also so gar nichts weiter preisgab, zum wegschmeissen aber viel zu ausgefallen war, hab ichs erstmal in die Ecke gelegt und gedacht: Irgendwann kommt per Post des Rätsels Lösung… Nix wars. Ich hatte schon den Verdacht, daß ich die Lösung des Werberätsels vielleicht versehentlich ungeöffnet weggeschmissen hatte, weil es nicht genauso auffällig war als das Päckchen (zum Verständnis: Meine Tagespost bestand heute aus 2 Katalogen und 7 Briefzusendungen. Ich habe immerhin eine der Briefsendungen soweit geöffnet, daß ich von aussen ohne den Inhalt herauszunehmen, erkennen konnte: Werbemüll. Somit landete auch dieser Brief zusammen mit 2 Katalogen und den sechs ungeöffneten Briefen (alles Infopost) ungeöffnet im Altpapier…).
Aus Zufall fiel mir das Päckchen heute nochmal in die Hand und siehe da: mittlerweile gibts im Netz haufenweise Fundstellen – Sowohl bei “Josephine Martenstein” als auch bei “Erzählkosmos”… auch andere Päckchenempfänger tauchen auf und präsentieren ihre Päckchen, die den ähnlich Inhalt wie meines haben aber andere Ogam-Runen als mein Holzplättchen zeigen.
Das ganze scheint eine kreative Merchandising-Kampagne zu sein, nennt sich wohl “Alternate Reality Game”, eine weiterentwickelte Schnitzeljagd mit Geocaching und wird mit einigem Aufwand von Alexander Maximilian Serrano und seiner Firma “Soma-Labs”, Berlin, produziert. Ich für meinen Teil frage mich nun zwar noch immer: Für was wird hier im Endeffekt die Werbetrommel gerührt und wie kommt die Kohle wieder rein, die einen derartigen Aufwand rechtfertigt, aber vielleicht wird sich dieses Rätsel irgendwann lösen – sofern es genug Interessierte gibt, die Spaß daran haben, dieses “Alternate Reality Game” mitzuspielen und mitzuknobeln. Ich für meinen Teil gehöre da eher weniger dazu… Aber wer Spass dran hat:

http://www.argreporter.de/2012/08/junge-archaeologin-vermisst/
http://www.archaeologie-in-brandenburg.de/
http://folge-dem-kaninchen.de/

Martin Kempf

 

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Eine Antwort auf Wer bezahlt das und wozu???

  1. RoM sagt:

    Immerhin läßt sich die Pappschachtel noch für welchen Krimskram auch immer verwenden. Die dräuend schwebenden Fragezeichen über dem kempfschen Domizil kann man sich bestens vorstellen. Worin der tiefere Sinn liegt?! Möglicherweise hat irgendwann ein Thinktank das magere Mäuslein geboren, daß “Neugierde” ein werberelevantes Element darstelle.
    Warum nun ausgerechnet den Malermeister aus Unterfranken behelligen!?
    Du bist FO-Herausgeber. Also kannst Du in 90 Jahren noch immer mit sowas rechnen. ;-)

    Seltenste Namen im Net – ich sage nur Myrelle Minotier…