Interview mit Tommy Krappweis auf der Ring-Con 2012

ES LIEGT MIR SEHR AM HERZEN, DIESE ART VON GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN

Tommy Krappweiss auf der Ring-Con 2012

IM JAHRE 2011 BEI UNSEREM ERSTEN INTERVIEW WAR TOMMY KRAPPWEIS DER VERFILMUNG VON »MARA UND DER FEUERBRINGER« SCHON 50% NÄHER GEKOMMEN. MITTLERWEILE IST ER EIN PAAR SCHRITTE WEITER UND KANN AUF DER RING*CON 2012 WÄH­REND SEINES AUFTRITTS AM SAMSTAGNACHMITTAG IN EINEM VIDEO PRÄ­SENTIEREN, WIE GROSS DIE FORT­SCHRITTE SIND. JUBEL BRANDET AUF, ALS SICH HERAUSSTELLT, DASS CHRISTOPH MARIA HERBST DIE ROLLE DES LOKI ÜBERNIMMT. NEUE KAMERA­TECHNIKEN WERDEN VORGESTELLT, ERSTE SCHAUPLÄTZE ENTHÜLLT. SPÄ­TER HOLT SICH TOMMY KRAPPWEIS NOCH VERSTÄRKUNG IN FORM VON BERNHARD HOECKER AUF DIE BÜHNE UND BIETET SICH MIT IHM EINEN RHE­TORISCHEN SCHLAGABTAUSCH PAR EXCELLENCE ÜBER DREHARBEITEN ZU EINER WERBEKAMPAGNE FÜR UND IN NEUSEELAND.
Nach seinem Programmpunkt auf der Hauptbühne nimmt er sich die Zeit, gedul­dig die vielen Mara-Bände zu signieren, die ihm unter die Nase gehalten werden. Unser Interview soll eine Stunde nach seinem Auftritt stattfinden. Ich bin etwas früher da und treffe auf Sophia, seine Agentin, die den Termin für uns arrangiert hat, sowie auf Chris, den Leiter der Postproduktion der bummfilm GmbH, deren Geschäftsführer Tommy ist. Chris ist mit der Kamera bewaff­net und hält die besten Con-Momente für Tommys Facebookprofil und natürlich das »Making Of« vom Mara-Film fest.
Etwas später stößt auch Tommy nach seinem Signaturmarathon zu uns und wir ziehen uns in eine stille Ecke für das Inter­view zurück.

Katrin Hemmerling: Wie man sieht, bist du ziemlich abge­kämpft von deinen Lesungen, Panels, was auch immer das gerade war.
Tommy Krappweiss: Ich habe keine Ahnung, sag du es mir. Damit habe ich nicht gerech­net. Ich rechne ja gerne mit allem, aber das war wirklich überwältigend. Auch gestern schon [er bezieht sich auf die Opening Ceremony] der Applaus, der da aufbrandete, als ich neben lauter verdien­ten, großartigen Kollegen auf die Bühne kam… das war sehr schmeichelhaft.

Das ist aber jetzt schon ein bisschen untertrieben. Ich muss zugeben, ich war auch etwas überrascht, als du reinkamst und Markus Heitz im Applaus abgehängt hast. Also jetzt komplett aus der Zuschauerperspektive gesehen.
Naja, wir wurden ja beide in einem Satz vorgestellt.

Ja, aber es geht ja jeder nochmal einzeln nach vorne und da war es spürbar.
Ja, es war wirklich großartig.

Hast du einen Ansatz, warum das so ist?
Ich kann nur hoffen, dass es an den Sachen liegt, die ich mache.

Von denen du weißt, dass sie im letzten Jahr schon gut gelaufen sind?
Ja, die Leute, die es [Mara und der Feuerbringer] im letzten Jahr gelesen haben, freuen sich und haben Spaß daran. Woran so was jetzt genau liegt… mei, wir haben viel daran gearbeitet, dass sich möglichst viele Leute, die Sachen, die ich mache anschauen und lesen, das muss man auch mal so sagen. Es muss also irgendwann mal auch was funktioniert ha­ben. Jetzt ist zum ersten Mal dieser Punkt, an dem ich denke, dass es jetzt ‚klick‘ ge­macht hat und wenn das nun so bleibt oder sogar noch mehr wird, dann ist es das, was ich mir immer für die Bücher gewünscht habe.

Tommy Krappweiss und sein Buch

Also ist es das, was dir jetzt am meisten am Herzen liegt? Weil du es ja auch so ähnlich mit »Das Vorzelt zur Hölle« ge­macht hast, indem du gesagt hast, dass du gerne deinen shiny Beststeller-Aufkle­ber hättest und über eine Aktion Bücher signiert hast. Aber Mara liegt dir da jetzt noch ein bisschen mehr am Herzen?
Das kann ich so nicht sagen. Bei Mara ist es so, dass ich vier Jahre meines Lebens da­mit verbracht habe und es liegt mir sehr am Herzen, diese Art von Geschichte zu erzählen. Beim Vorzelt zur Hölle ist es so, dass es meine Lebens­geschichte ist. Ich hätte es einfach für mei­nen Vater, meinen Bruder und mich und alle, die da beteiligt waren, total grauenvoll gefunden, wenn das jetzt einfach irgendwo wegdümpelt. Darum hatte ich einen großen Drang zu zeigen, dass es funktioniert, dass es lustig ist und dass es sich lohnt, dafür eine lustige DVD zu machen. Auch um ein Stück weit mir selbst und den Leuten, die das für Quatsch gehalten haben, zu bewei­sen, dass es – wenn es gut und unterhalt­sam ist, sowie einen persönlichen und emo­tionalen Wert hat – sehr wohl funktioniert.

Auf der Ring*Con sind es natürlich eher Leute, die an Fantasy interessiert sind. Sie haben wahrscheinlich eher den Draht zu dir, weil du dich auch selbst damit beschäftigst. Sie sind aber auch ziemlich gut auf das »Vorzelt zur Hölle« ange­sprungen, wenn ich es so formulieren darf. Da kam ein neues Buch von dir raus und sie haben es sofort gekauft, obwohl sie vielleicht mit Camping so gar nichts am Hut haben.
Anscheinend finden sie gene­rell meine Sicht der Dinge lustig. Meine Art, etwas zu beschreiben und so weiter. Das ist ja in der Figur von Mara implementiert. Dass sie das Leben ähnlich sieht wie ich es auch sehe. Und das mag sein, dass es dann vielleicht eine Rolle ge­spielt hat. Außerdem campt der LARPer ja ebenso wie der Mittelalterfreund.

Du sagtest vorhin, dass du in den letzten Zügen vom Drehbuch bist. Wie ist über­haupt der Schreibprozess von einem Drehbuch?
Das ist total unterschiedlich. In diesem speziellen Fall ist es so, dass ich schon beim Sch­reiben des Romans im Kopf hatte, dass ich es gerne verfil­men möchte. Nur hatte ich im Buch den Vorteil, dass ich Mara im Kopf sprechen lassen konnte. Das kannst du in einem Buch super, in einem Film ist das weniger gut. Dann ist es entweder wie »Bridget Jones‘ Diary« oder du hast das Gefühl, dass sie dich die ganze Zeit wieder aus dem Film herausreißt, weil sie dir irgendein Zeug er­zählen will. Darum musste ich alles, was sie im Buch denkt, in Dialog übersetzen. Das heißt, dass die Gefahr bestand, dass Mara zu plapperig wird. Das musste ich in Fas­sung zwei dann wieder reduzieren, weil ich gemerkt habe, dass sie die ganze Zeit quatscht, obwohl sie doch eigentlich schüchtern sein sollte. Dann gibt es noch ein ganz pragmatisches Problem: Das, was ich in dem Roman geschrieben habe, hätte 40 Millionen gekostet und wir haben wahr­scheinlich ein Budget von irgendwas unter 10 Millionen. Ich muss also wirklich auswäh­len, was ich die 90 Minuten packe, was der Zuschauer sehen möchte und was jetzt nicht so tragisch ist, wenn es nicht rein­kommt. Die dritte Problematik war, dass in Mara Band eins bis drei ihr Kenntnisstand sehr langsam kulminiert. Sie weiß am Ende vom Band eins kaum etwas. Erst in Band zwei rafft sie so langsam, was Sache ist und erst ganz am Ende in Band drei fügt sich wirklich alles zusammen. Das ist für das Buch etwas, wofür ich immer gestritten habe, weil ich es schön und realistisch fand. Auch wenn es nach Band eins bei manchen Leuten dieses »Und jetzt?«- Gefühl gab, die gerne mehr Antworten auf ihre Fragen ge­habt hätten. Damit meine ich keine Cliffhan­ger, denn sowas mag ich gar nicht. Ich fand es einfach schön. Im Film muss ich den Leuten aber mehr Hilfe geben. Sonst geht man aus dem Kino raus und fühlt sich unbefriedigt.

Also umfasst der Film nicht alle drei Teile?
Nein. Der Film wird Band eins umfassen, aber in Film eins taucht dann schon Dr. Thuri­saz auf, der ja eigentlich erst in Buch zwei auftaucht – Damit du ein Gefühl kriegst, dass es da noch je­manden gibt, der ein Problem ist. Ich nähere mich da eher dieser typisch filmischen Struktur an. Den Leuten ein paar Sachen schon einmal zu zeigen, damit sie dieses »shape of things to come«-Gefühl haben. Ein Film ist eben etwas anderes als ein Buch; und deswegen muss man den Film so machen, dass er als Film funktioniert. Ich finde, alle Filme, die einfach nur 1:1 ein Buch übersetzen, sind letztlich scheiße, weil sie nicht funktionieren.

Du hast gerade so ein bisschen das Tolkien-Problem.
Ich würde mich jetzt nicht so weit aus dem Fenster lehnen, aber ja.

Da gab es ja einfach das Problem mit der ganz langen Einführung bei »Die Gefähr­ten«. Man neigte schon dazu, Seiten zu überlesen, weil es zwischendurch furcht­bar langweilig war. Und auch Peter Jack­son hatte damals bei den Gefährten ge­sagt, dass er etwas aus Teil zwei mit in den ersten Film hineinpacken muss.
Und er musste den Anfang auch kürzen, wo Frodo einfach jahrelang vor sich hindümpelt. Das ist auch völlig legitim. Ähnlich habe ich das auch gemacht. Bei mir spielt zwar alles nur weni­ge Tage, aber man muss relativ schnell folgendes begreifen: Das ist Mara, sie hat ein massives Problem, die Leute in der Schule mobben sie, ihre Mutter hat eine Meise und Mara kriegt jetzt eine Aufgabe. Dann will sie diese erst nicht erfüllen, ver­sucht es dann, scheitert… die ganz klassi­schen Punkte müssen einfach in diesem Film drin sein. Im Buch ist man da so ein bisschen freier.

In Deutschland gab es eigentlich noch nicht einen Fantasyfilm, der auf diese Art angelegt ist, es sei denn, ich habe in den letzten Jahren einen verschlafen.
So einen nicht. »Die unendli­che Geschichte« und »Krabat« sind so die letzten tatsächli­chen Fantasyfilme.

Aber »Die unendliche Geschichte« war schon sehr amerikanisch aufgezogen.
Aber dennoch Fantasy.

Das stimmt, aber es war ja damals dann in der Tat so, dass sich Michael Ende davon distanziert hat.
Ja, die barbusigen Sphinxen hätte ich auch nicht gemocht.

Das heißt, du beschreitest jetzt gerade Neuland. Wie schwierig ist es, in Deutschland dafür Interessenten zu fin­den. Was wir vorhin gesehen haben – war das etwas, womit du auch auf Sache nach Geldgebern gegangen bist?
Nein. Das ist in der Tat eine Präsentation für unseren größ­ten Partner, das ist RTL. Sie machen das erste Mal seit vielen Jahren wieder eine Ki­noproduktion. Damit bekommen sie einen Stand der Dinge gezeigt und wissen, was der Krappweis gerade mit dem Geld macht. Das kann man im Form von so einem Video viel schöner machen als wenn ich ihnen irgendwelche Ausdrucke und das Drehbuch mit Post-its drauf präsentiere. So macht es mehr Spaß.

Ist es in Deutschland komplizierter die Gelder dafür zusammen zu kriegen?
Es ist weltweit immer gleich kompliziert. In Deutschland ist es eher schwierig, wenn du bei der Filmförderung mit einem Stoff auftauchst, in dem nicht einer krebskrank ist und noch einmal ans Meer will. (lacht)

Oder du hast Tourette und willst ans Meer.
Ja, Krank und ans Meer wol­len, das ist auf jeden Fall hilf­reich. Wobei ich froh um jeden erfolgreichen deutschen Film bin und heilfroh um die Institu­tion der Firmförderung, die es uns über­haupt erst möglich macht, gegen Hollywood zu bestehen.

Du hast auch gerade die Reaktionen auf Christoph Maria Herbst als Loki mitbe­kommen. War das dein Wunschkandidat?
Von der ersten Sekunde an. Beim Roman schon habe ich das für Chris geschrieben.

Warum?
Weil nur er das kann. Weil er genau das Richtige ist, um so etwas zu spielen.

Die Gratwanderung, die er in dem Video ansprach?
Die Gratwanderung, die er beschreibt. Das schnelle Um­schalten. Das irrsinnige Timing. Und er kann den Wahnsinn normal aussehen lassen.

Hast du denn auch andere Wunschbesetzungen?
Ja…

Aber über die darfst du natürlich noch nicht reden, oder?
Eben. Wenn ich die nicht krie­ge, wissen die anderen Leute, die nicht Wunschbesetzung sind, dass sie nicht Wunsch­besetzung waren.

Die klassische Killerfrage an Schauspie­ler: »Hast du schon einmal einen Film abgelehnt, worüber du dich hinterher geärgert hast?« – »Ja, ich sage aber nicht, welcher!«
Genau!

Hast du eigentlich noch Lampenfieber, wenn du vor ein Publikum trittst?
Nee.

Gar nicht mehr.
Null. Obwohl… ich habe ein­mal wieder eine gewisse Ner­vosität verspürt in einem ei­gentlich kleinen Laden. Das war in der Lichtburg in Wetter, wo ich auf die Bühne ging und 90 Minuten lang etwas erzählen sollte. Und da dachte ich wirklich »Moment, was mache ich dann 90 Minuten lang? Gibt das dieses Ding mit dem Vorzelt überhaupt her?«. Ich bin ja nicht so der Über und Prober. Ich bin eher so der »Schauen wir mal, füllen wir es mit etwas anderem auf«-Typ. Aber ich dachte mir, ich mache einen kompletten Standup- Abend, ohne irgendetwas geschrieben, geübt oder geprobt zu haben oder irgend­wie vorbereitet gewesen zu sein. Einfach nur ich. Und dann habe ich mir überlegt, womit ich anfange, bin raus und habe mit etwas völlig anderem angefangen.

An den Abend kann ich mich noch erin­nern, ich war da.
Aber es lief. Ich wollte etwas völlig anderes machen, aber dann fiel mir diese Sache mit dem Kurzfilmwettbewerb ein. Das fand ich in diesem Mo­ment so bizarr, das wollte ich erzählen. Dann habe ich gemerkt, dass alles gut war.

Ich blicke auf meine Notizen und merke, dass wir das Interview überraschend schnell durchgezogen haben. Sophia und Chris greifen die ursprüngliche Frotzelei wieder auf, dass ich BRAVO-Fragen stellen sollte. Wer es also wissen möchte: Tommys Lieb­lingsfarben sind Herbstfarben, was un­schwer an der Farbe seiner Weste zu erken­nen ist.
Mit dieser wichtigen Information verab­schieden wir uns dann auch. Tommys Pro­gramm ist während der Ring*Con prall ge­füllt und ich denke mir, es kommt ihm ein wenig entgegen, wenn seine Verschnauf­pause größer ist als geplant. Abends wird er die Con-Besucher noch als Jury-Mitglied beim Kostümwettbewerb erheitern und als letzten Programmpunkt mit seiner Band Harpo Speaks!! ein Konzert spielen. Ein Konzert, das wieder einmal mehr beweist, wie spontan Tommy seine Auftritte bestrei­tet. Und damit immer genau richtig liegt.

KATRIN HEMMERLING

TOMMY KRAPPWEIS wurde am 9. Mai 1972 in München geboren. Er besuchte die Münchner Fachoberschule für Gestaltung, stellte eigene Comics aus und machte Stra­ßenmusik in der Münchner Fußgängerzone. Mit 14 Jahren sprach er in Kinderhörspielen, im Alter von 16 hatte er seine erste „Fern­sehrolle“ in „Forsthaus Falkenau“.

Nach der Schule arbeitete er in der Wes­ternstadt „No Name City“, wo er mehrmals täglich als „Miss Annie Oakley die großarti­ge Scharfschützin“ auf der Bühne stand und sich im Zielschießen übte. Im Jahr 1994 moderierte Tommy Krappweis sieben Mo­nate lang das Jugendmagazin „Disney TV“ für RTL. Er war Teil des Teams von „RTL Samstag Nacht“, führte Regie und spielte in der pro7 „Märchenstunde“.

2004 erhielt Tommy Krappweis für die Idee und Realisation der Figur „Bernd das Brot“ den Adolf-Grimme-Preis in der Kate­gorie „Spezial“. 2009 erschien sein erster Roman „Mara und der Feuerbringer“.

Auszug aus: de.wikipedia.org/Tommy_Krappweis

 

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