Als Halbling unterwegs in die Buchhandlungen – Interview mit Prisca Burrows

Klaus N. Frick: Unter dem Titel »Der Fluch der Halblinge« ist dein aktueller Roman in die Buchhandlungen gekommen – pünktlich zur Buchmesse und zum Start des »Hobbit«-Filmes. Das Buch sieht stark aus. Bist du stolz darauf?
Uschi Zietsch-Jambor: Und ob! Mit der Gestaltung hat der Verlag sich sehr viel Mühe gegeben. Klappenbroschur, Goldprägung und der Umschlag innen auch noch bedruckt. Da bleiben keine Wünsche offen, das Buch ist einfach wunderschön. Toll finde ich es, dass die Karte in den Umschlag gesetzt wurde, weil man so nicht lange blättern muss, sondern schnell nachschauen kann, wo wir uns gerade befinden. Den Text auf der Rückseite und den Teaser auf der ersten Umschlagklappe finde ich auch sehr gelungen. Ich finde, das macht neugierig. Und passt zum Inhalt.

Der Roman -erschien bei -Lübbe, wo ja auch deine »Waldsee«-Romane veröffentlicht worden sind. Entstanden die »Halblinge« aufgrund einer Idee des Verlages, oder war es deine -eigene Überlegung?
Tatsächlich war es eine Idee des Lektors, Ruggero Leò, und zwar bereits 2007! Damals wurde ja schon eifrig an den (damals noch zwei) Hobbit-Filmen gearbeitet, und der Lektor hielt es für eine gute Idee, passend dazu einen Halbling-Roman herauszubringen.

Ich war völlig frei in der Gestaltung, und da konnte ich natürlich nicht widerstehen. Schließlich habe ich mit 14 den »Hobbit« und dann mit 15 den »Herrn der Ringe« gelesen, was damals wie eine Initialzündung für mich war, es erzählerisch auch mal mit der Fantasy zu versuchen, da ich Märchen, Sagen und Legenden sehr liebe und seit über vier Jahrzehnten sammle. Ich wollte eigentlich neben meinen sonstigen Texten immer etwas in dieser Art schreiben, war nur bis dahin nie auf die Idee gekommen, es auch tatsächlich zu tun. »Fantasy« in Romanform, das gab’s damals in Deutschland bis zur Gründung des Labels der »Hobbit Presse« gar nicht.

So kehre ich mit dem »Fluch der Halblinge« heute also praktisch »back to the roots«. Entsprechend habe ich mich hier in angemessenem Rahmen aus vorhandenen Stoffen »bedient« und mich genau wie Tolkien auch an der »Edda« und den gälisch-keltischen Märchen orientiert. Selbstverständlich ist es zudem eine Hommage an Tolkien. Die Storyline und der Schauplatz sind praktisch in »Mittelerde« eingebettet, nur eben auf keiner der bisher bekannten Karten verzeichnet. Das hat auch seinen Grund, wie die Leserin und der Leser bei aufmerksamer Lektüre erkennen können (wenn sie möchten).

Kritisch nachgefragt … ist das nicht eine Plünderung des Tolkienschen Werkes?
Oh nein, ganz und gar nicht! Klar, meine Halblinge sind den Hobbits sehr ähnlich, das ist aber völlig beabsichtigt. All die wundervollen Eigenschaften, die Idealisierung des Engländers, wie Tolkien sein Völkchen beschrieben hat, sollten zum Tragen kommen. Friedlich sein, gern essen und trinken, das Leben genießen und allen anderen einen schönen Tag wünschen – was könnte besser sein?

So ein Volk muss unbedingt mal in den Vordergrund gerückt werden, um aufzuzeigen, wie eine Welt, in der Halblinge leben, aussehen könnte. Und jeder kann sich gut in das Völkchen hineinversetzen und mit ihm mitleben. Jeder kann mit auf die Reise gehen, ins Abenteuer hinein – und hoffentlich auch wieder zurück.

Mein Buch ist aber völlig eigenständig, denn auch wenn meine Bogins den Hobbits sehr ähnlich wirken, sind sie durchaus anders. Ich habe bewusst diesen Volksnamen gewählt, denn »Bogins« heißen die walisischen Kobolde, die ebenfalls von freundlicher Art sind (also zumindest nach den Quellen, die ich gefunden habe). So habe ich einiges miteinander verwoben und dadurch Nähe zu unserer Mythenwelt geschaffen, aber auch eine Affinität zu Tolkien hergestellt, was sich ebenfalls in der Erzählweise ausdrückt, in der epischen Darstellung, und doch behutsamen Modernität im Ausdruck.

Und außerdem … hat Tolkien sich ja auch ganz ungeniert bei den nordischen Sagen und Legenden (samt Namensgebung) bedient und die Stoffe zu einem eigenen Mythos, einer eigenständigen Welt verwoben.

Wie bist du denn ausgerechnet auf diesen Namen gekommen? Es ist ja ein »offenes Pseudonym«.
Selbstverständlich ist es offiziell, dass ich die Autorin bin. Prisca Burrows ist nämlich mein »Original«-Hobbitname. Es gibt einen Namensgenerator für Hobbitnamen (wie übrigens auch für Elben und Zwerge) im Internet, den ich während meiner Recherchen entdeckt habe, und nach Eingabe meines Namens erschien die Prisca (Frumble Burrows).

Und das war alles?
Das hat mir so gefallen, dass ich dazu die Figur der »Historikerin« erschaffen habe, um die Geschichte des Volkes der Bogins praktisch »authentisch durchzuziehen«, indem ich die Historikerin sozusagen selbst erzählen lasse. Die »Biographie« entspricht demnach ziemlich meiner, und die dort genannten Namen ebenso wie im Dank und der Widmung sind auch alle »echt«. Alles rundum stimmig, das hat Spaß gemacht.

Wie viel von Uschi Zietsch oder Susan Schwartz steckt eigentlich in Prisca Burrows?
Oh, eine Menge. Susan Schwartz ­lieferte die sachlichen Fakten – denn die von mir beschriebene Insel existiert ebenso wie die meisten Orte, nur eben ein wenig »verfremdet«, wobei die Verfremdung historisch bedingt ihre Berechtigung hat. Dazu gehören auch die Namen der beschriebenen Figuren, die isländisch, keltisch und teilweise der Edda entlehnt sind. Einige menschliche Figuren haben sogar einen sagenhistorischen Hintergrund. Uschi Zietsch war dann dafür verantwortlich, den Figuren Klang und Tiefe zu verleihen, und Prisca Burrows wiederum verwob alles zu einem harmonischen Ganzen und erzählte die Geschichte insgesamt.

Für Prisca ­Burrows gibt es sogar eine eigene Facebook-Seite. Wieso das denn?
Prisca hat ihre eigene Geschichte erzählt, sie soll also selbst zu Wort kommen und von ihrem Werdegang berichten. Schließlich ist sie ein Bindeglied zwischen der archaischen Welt der Bogins aus einer unbekannten Epoche ­unserer Erde und der allergegenwärtigsten Gegenwart, nämlich unserem Heute.

Diese Facebook-Seite wird ja komplett von dir erstellt und betrieben. Gibt es Unterstützung vom Verlag dafür?
Nein, gar nicht. Aber das macht Prisca nichts aus – sie ist es gewohnt, auf sich gestellt zu sein. Recherchieren und schreiben ist seit je her eine einsame Aufgabe. Dennoch möchte sie in bescheidenem Rahmen andere daran teil­haben lassen und Hintergründe mit ein­beziehen.

Wie ist die ­Interaktion mit den Lesern, die eine solche Facebook-Seite besuchen? Das ist ja etwas eher ungewöhnliches.
Ja, das ist durchaus interessant und für den einen oder anderen sicher auch irritierend. Der Traffic ist sehr viel höher als ich »Gefällt mir«- Klicks habe – das sind natürlich noch nicht so viele –, weil ja alle Postings öffentlich sind und die Neugier doch einmal dazu antreibt, nachzuschauen, wer die Autorin des »Fluchs der Halblinge« sein mag. Und deshalb kommen erstaunlicherweise die meisten Rückmeldungen per Mail. Prisca hat aus diesem Grund inzwischen auch eine eigene Mailadresse erhalten (prisca(at)uschizietsch.de).

Und wenn du aus deinem Buch vorliest, wie zuletzt bei der RingCon, verkleidest du dich dann auch als Halbling? Wirst du zu Prisca Burrows?
Ja, ich trete ganz und gar als Prisca auf, auch meine sprachliche Ausdrucksweise und mein Verhalten verändert sich. Dazu klassische Gewandung und Häubchen, Augengestell, Schreibfeder, Tintenfässchen, und ein ledernes, handgebundenes Notizbuch mit handgeschöpftem Papier. Ich schlüpfe hinein und fühle mich dann auch so. Nur das mit den großen ­Füßen klappt nicht, meine Füße sind einfach zu klein. Andererseits bin ich für eine Bogin auch ein wenig groß geraten. Eine Eigenschaft allerdings, die der junge Fionn Hellhaar, der all die beschriebenen Abenteuer erlebt und wahrhaftig Geschichte schreibt, mit mir teilt.

Bilder finden sich auf Priscas Facebook-­Seite. Mit dabei ist natürlich Litli, mein ­Bücherlindwurm.

Was hat es mit dem Bücherlindwurm auf sich? Klingt ja sehr geheimnisvoll …
Die Bücherlindwürmer sind auch etwas ganz besonderes. Das sind kleine Drachen, die Bücher hüten, katalogisieren und bewahren – also wie ein Drache seinen Schatz auf seinem Hort, nur hier ist es das Wissen. Die Bücherlindwürmer haben sich auf Bücher spezialisiert, nicht auf Gold und Geschmeide, und ihr Hort ist eine riesige Bibliothek. Sie sind klein und lustig, unentbehrlich für Bibliothekare, intelligent, frech, hervorragende Witzeerzähler und lieben genau wie die Bogins gutes Essen. Das sie ihnen vom Teller klauen.

Wie soll es mit Prisca und ihrer Historiker-Arbeit weitergehen? Weitere Pläne?
Prisca hat auf ihren Reisen und den ­Gesprächen mit den Betroffenen jede Menge spannendes Material gesammelt, das noch keine Berücksichtigung gefunden hat, um den Rahmen des Buches nicht zu sprengen. Da gibt es noch einiges, das sie verarbeiten kann und sicher auch niederschreiben wird. Es ist schließlich die Geschichte ihres Volkes …

Vielen Dank für das Beantworten der Fragen – und weiterhin viel Erfolg!
Ich habe zu danken – im Namen von Prisca!

 

Uschi Zietsch-Jambor alias Susan Schwartz oder Prisca Burrowsist Jahrgang 1961 und wuchs auf am Stadtrand im Münchner Wes­ten.Ihre ersten Geschichten be­gann sie bereits im Alter von drei Jahren zu erzählen und konnte es kaum erwarten, in die Schule zu dürfen, um Lesen und vor allem Schreiben zu lernen. In der Folgezeit füllte sie die Schulhefte lieber mit unglaub­lichen Ge­schichten anstatt mit Rechen­aufgaben.

Ihr erster „richtiger“ Roman war eine ­Pferdegeschichte im Wilden Westen. 1978 verschickte sie ihren ersten 1000-seitigen Fantasywälzer an verschiedene Verlage und bekam sofort eine Menge Resonanz. Das Manuskript wurde zwar nicht verlegt, aber es verhalf ihr zu Kontakten und persönlichen Ge­sprä­chen mit Lektoren, die ihr viele Tipps und Hinweise gaben und so den Weg zum Profi ebneten.

Im Dezember 1984 wurde ihr Fantasy-­Roman „Sternwolke und Eiszauber“ vom Heyne Verlag angenommen und erschien 1986. Leider kam es zu diesem Zeitpunkt zu Programmkürzungen, vor allem bei Fantasy & Science Fiction von deutschsprachigen Autoren.

Daher gründete sie einen eigenen Verlag, nämlich Fabylon, „der Verlag mit dem ­Faible fürs Fabelhafte“. Danach folgten Kontakte zu FanPro sowie die Autoren­tätigkeit für die Perry-Rhodan-Serie. 1996 erfolgte der Wechsel in die Selbständigkeit. Im Jahr 2003 verließ sie dann das Perry-Rhodan-Team, um sich wieder mehr auf eigene Projekte zu konzentrieren und auch den Fabylon-Verlag wiederzubeleben. Seit September 2004 lebt und schreibt sie auf einem kleinen Hof in der Nähe Memmingens, einem Dorf mit 150 Einwohnern und mindestens 350 Kühen.

 

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