… und der Vurguzz floß in Strömen

Rainer Eisfeld bei der Ausstellungs-Eröffnung „Science Fiction in Deutschland“

Gab’s die Titelzeile „…und der Vurguzz floß in Strömen“ nicht schon einmal in der Geschichte des (west)deutschen Fandoms? Galt sie nicht einem Con, vermutlich in Unterwössen, bei dem es besonders bunt zuging? Egal – manche Einfälle sind so gut (und so passend), dass sie eine Wiedererweckung verdienen, auch nach Jahrzehnten.

Apropos Jahrzehnte: Erinnern Sie sich noch an jene launige Postkarte, die ­Joseph – Verzeihung, Joschka – Fischer 1985 in Turnschuhen bei der Eidesleistung als hessischer Umweltminister zeigte, darunter die Zeile: „17 Jahre Marsch durch die Institutionen – einer kam durch“? Im Falle Science Fiction dauerte es, vom ersten Erscheinen der Utopia-Großbände an gerechnet, sage und schreibe achtundfünfzig Jahre, bis das Genre ‚durchkam‘, sprich dort ankam, wo ihm nun museale Weihen und solchermaßen der offizielle Stempel der Seriosität verliehen werden.

Den 400 Teilnehmern, die am Eröffnungsabend das Foyer füllten, kredenzte man karaffenweise Vurguzz. Mochten Geschmack und Alkoholgehalt auch eher an grün gefärbten Prosecco erinnern als an Franz Ettls fulminanten Kräuterlikör: Der gute Wille der Veranstalter, Intergalaktisches „vom Planeten Vurga“ zu servieren, war erkennbar vorhanden, die Vorräte in Nullkommanichts geleert. Museumspräsident Hans Walter Hütter wurde währenddessen nicht müde, den Besuchern einzubläuen, die Ausstellung sei „spacig“ arrangiert (Architektur: Arno Grünberger/Tilo Perkmann vom Atelier Spurwien). Will sagen:

Von Themenschwerpunkt zu Themenschwerpunkt wird der Besucher durch eine Folge imitierter Raumschiffkabinen geschleust. Vorbei an H. R. Gigers biomechanischem Alien, an Thea von Harbous verführerischem Roboter Maria aus Metropolis, Hermann Oberths Raketenmodell für Frau im Mond und einem von der NASA geliehenen Brocken Mondgestein gelangt er am Ende zu Darth Vader. Unterwegs kann er innehalten bei einem halben Dutzend Videostationen, sich einklicken in Frau im Mond, Eroberung des Weltalls, Fliegende Untertassen greifen an, Welt am Draht, Jahr 2022 – die überleben wollen, Independence Day, The Day After Tomorrow und ich-weiß-nicht-wieviele andere Filme aus fünf Jahrzehnten. Er kann über das zweckentfremdete Bügeleisen aus Raumpatrouille Orion schmunzeln, die Merchandising-Produkte der Star Wars-Vermarktung bestaunen, sich womöglich an seine eigenen Jahre als „Trekkie“ erinnern. Andreas Eschbach hatte dazu den Anwesenden im launigen Dialog mit Hütter vorher erläutert, was wir schon wissen, aber vielleicht nicht alle unter den 400, die zur Eröffnung gekommen waren: Dass Science ­Fiction wenig zu tun hat mit Zukunftsprophetien, aber viel mit den Ängsten und Hoff­nungen, den Erwartungen und Befürchtungen der jeweiligen Gegenwart, die projiziert werden auf andere Welten oder in andere Zeiten.

Die Raumfahrtsbegeisterung der 1960er Jahre spiegelt sich im Produkt­design, in der Mode und im Spielzeug.

Heinz Jürgen Galle, Thomas Le Blanc, Dieter von Reeken und ich waren von den Ausstellungsmachern kontaktiert worden, und gänzlich folgenlos ist nicht geblieben, was wir gesagt, geschrieben, vorgeschlagen haben. Freilich waren wir mehr als Exponategeber gefragt, weniger als konzeptionelle Berater. Immerhin: Wer die Begleitausgabe des museumsmagazins aufschlägt, stößt sogleich auf das in Großbuchstaben platzierte Motto „Ad ­Astra – zu den Sternen!“. Wenige Seiten weiter wird dem Leser erklärt, dass es sich dabei um die Grußformel der frühen Mitglieder des Science Fiction Clubs Deutschland handelt. An einer „Kabinen“­wand der Ausstellung prangt großformatig das Logo des SFCD. Man findet Anne Steuls Fantum und ihre Einladung zum Treffen nach Wetzlar 1956, die erste Ausgabe von ANDROmeda und das Erinnerungsblatt an den „Urlaubs“con des SFCD in Bayrischzell (gleichfalls 1956), Clubausweis und Clubnadel des Bonner Schülers Rainer Eisfeld.

Wenigstens mit einem erklärenden Satz und mit einer einzigen Ausgabe, weit oben an eine Wand montiert und leicht zu übersehen, wird die Science Fiction Times berücksichtigt (hier bin ich mit meiner dringenden Anregung gescheitert, der Rolle der  SFT mehr Gewicht, darum auch mehr Platz, einzuräumen). Zwischendurch werden Leihbücher, Hefte, Taschenbücher in Vitrinen präsentiert. Einen Hinweis darauf, dass drei Schriftsteller namens Carl Améry, Herbert W. Franke und Wolfgang Jeschke – jeder auf seine Art – neue Standards in der deutschen Science Fiction gesetzt haben, sucht man allerdings vergebens. Letztlich waren die Veranstalter doch mehr interessiert an einer „exzellent inszenierten Schau“ (Bonner Generalanzeiger). Eine komplette Wand Perry Rhodan – unser Mann im All trägt dazu nicht wenig bei (Motto: Realität überholt Science Fiction – tatsächliche Mondlandung 1969, bei Perry Rhodan prognostiziert für 1971).

Apropos Mondlandung: Wernher von Braun wird korrekt als frühes „Idol der Science Fiction-Szene“ identifiziert, ergänzt um den Hinweis im Begleitheft, damals sei noch nicht bekannt gewesen, dass er „als Kon­strukteur der ‚Vergeltungswaffe 2‘ auch in die Ausbeutung von Zwangsarbeitern ver­wickelt gewesen war.“

Aus der DDR werden der Stanislaw Lem-Club Dresden (1969-71) und seine rasche Zerschlagung wegen „schwerer politisch-ideologischer Fehler“ durch TU Dresden und SED vorgestellt, etwas kürzer auch der 1985 gegründete, bis heute bestehende Berliner SF-Club ANDYMON (nach dem Roman gleichen Titels von Angela und Karlheinz Steinmüller). Ausführlichen Raum widmet die Ausstellung auch Stanislaw Lems frühem Roman Planet des Todes (Die Astronauten), seiner Verfilmung in Co-Produktion DDR/Polen (Der schweigende Stern, in der BRD damals Raumschiff Venus antwortet nicht) – und einem Brief, in dem Lem sich mit der ihm eigenen Vehemenz distanziert von ­ideologischen Inhalten seines Romans und besonders des Films.

Technikeuphorie, atomare Bedrohung, ­Kalter Krieg, Umweltzerstörung, Raumfahrt, außerirdisches Leben: Die Ausstellung lädt ein zu einem überwiegend ernsten, gelegentlich ironisch-amüsierten Blick auf teils unbewusste, teils gezielte politische Botschaften, auf Alpträume und Wunschträume, auf technische Improvisationen und „gosh-wow“-Spezialeffekte, die in Erzählungen und Filme Eingang gefunden haben. ­Offenkundigstes Manko der Ausstellung selbst, aber auch der Begleitausgabe des museumsmagazins: Das Fehlen aller Hinweise auf Lexika und Handbücher des Genres, wie sie besonders bei Reclam für SF-Film wie -Literatur erhältlich sind.

„Science Fiction in Deutschland“ läuft im Bonner Haus der Geschichte noch bis zum 10. März. Danach ist geplant, die Ausstellung leicht verkleinert in Leipzig zu zeigen.

Rainer Eisfeld
Ausstellung „Science Fiction in Deutschland“
Ort: Haus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14, 53113 Bonn
Dauer: 23. 11. 2012 bis 10. 3. 2013
Öffnungszeiten:
Dienstag – Freitag, 9.00–19.00 Uhr
Samstag, Sonntag, 10.00–18.00 Uhr
Eintritt frei
 

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